Jan
12
2011

agiles Geschäftsprozessmanagement durch intuitive Improvisation a la SCRUM

Gebrüder Lunge auf Erfolgskurs mit Laufschuhen

Gebrüder Lunge auf Erfolgskurs mit Laufschuhen

Während meiner Bahnheimfahrt, die dieses Mal pünktlich endete, habe ich eine erhellende Stellungnahme eines erfolgreichen Unternehmers in dem sehr interessanten Buch Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen von Dr. Andreas Zeuch gefunden, die deutlich macht, warum in SCRUM möglichst wenig auf lange Zeit geplant und warum nur das Notwendigste niedergeschrieben werden sollte. Ich möchte diese Stellungnahme hier gerne ungekürzt wiedergeben und mit den relevanten SCRUM-Methoden ergänzen:

<<<< Beginn der Stellungnahme >>>>

Planung ist bei uns eher ein Gedankenmodell, das wir so nebenbei ein wenig pflegen. Schließlich wissen wir nicht, wie die Zukunft wird.
SCRUM: “ungestörtes” Arbeiten nach Plan nur während einer Iteration
Warum sollten wir jetzt lange Pläne machen, was wir wann machen, hin und her überlegen und dem Ganzen dann noch Namen geben.
SCRUM: die Menge an genau beschriebenen Funktionen eines Produkts, z.B. SAPERION Version, das zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeliefert werden soll, ist nicht fix
Wir versuchen stattdessen, die Entscheidungssituation immer wieder neu aufzustellen. Was können wir jetzt tun? Wir wissen dabei natürlich genau, was wir für Zyklen haben, wie lange es braucht, bis eine Schuhproduktion umgestellt ist, usw. Was machen wir dann als Nächstes? Was haben wir alles auf dem Tisch, was wollen wir machen? Da halten wir uns einen gewissen Vorrat, und Pflücken dann die Reife Frucht, die uns am geeignetsten erscheint.
SCRUM:  für jede neue Iteration wird die Liste der neuen Funktionen im Backlog neu priorisiert, ggf. kommen neue Funktionen nach Bedarf hinzu.
Aber da lange Pläne machen, welche Pflaume wohl als nächstes dran ist und dann eine Reihenfolge machen zu einem Zeitpunkt, wo man gar nicht weiß, wie die sich entwickeln? Das funktioniert nicht. Für uns haben Pläne nicht den Stellenwert, nach dem wir gefragt werden. Die Standardfrage von Journalisten lautet: “Wie sehen Ihre Pläne aus?” Haben wir nicht. Wir sehen einfach ein Potential und suchen einen Weg, um dieses Potential möglichst gut zu nutzen. Wo wir da landen, weiß ich auch nicht genau, weil wir eben flexibel sind. Das ist die große Chance.
SCRUM: Genau weil Firmen in der Software-Entwicklung u.a. festgestellt haben, dass regelmäßig unerwartete neue Anforderungen durch Kundenprojekte die lange vorher erstellte Planung immer wieder über den Haufen warfen, ist das Konzept der ungestörten Iteration über 2-4 Wochen entworfen worden. Anpassungen an die grobe Planung sind dann zu jeder neuen Iteration wieder möglich.

<<<< Ende der Stellungnahme >>>>

So erzählt Ulf Lunge, erfolgreicher Hamburger Profi-Laufschuhproduzent, über ihre Art, das Schuhgeschäft weiterzuentwickeln. Das genannte Buch befasst sich mit der professionelle Nutzung unserer Intuition, und die Brüder Lunge sind sich vermutlich nicht bewusst, dass sie eine agile Methode a la SCRUM implementiert haben.

Herr Zeuch wirbt in seinem brillianten Buch (es fehlt mir nur noch das letzte Kapitel) für den Einsatz von professioneller Intuition, wenn Entscheidungen in komplexen Situationen zu fällen sind. Und diese werden zunehmend mehr. Er sagt, dass wir uns davon freimachen müssen, eine komplexe Thematik mit welcher Managementmethode auch immer vollständig durchdringen zu wollen, um die absolute Sicherheit zu erlangen, wo der Weg langgehen wird. Unsere Welt ändert sich häufig so schnell und irrational, dass eine “richtige” Entscheidung nur ein Glücksfall sein kann.

Da unser Gehirn bewusst nur sequentiell, d.h. einen Gedanken nach dem anderen und damit langsam arbeiten kann, sollten wir mehr auf unsere Intuition setzen. Unser Unterbewusstes verarbeitet in der gleichen Zeit parallel über unterschiedliche Gehirnareale wesentlich mehr Informationen und signalisiert diese als ein Gefühl. Das Buch behandelte eine Reihe neuer Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Intuition Berufsneulingen und Experten gleichermaßen zur Verfügung stehen, die Experten auf Basis ihrer Erfahrung eine höhere Trefferquote haben. Es gibt aber auch Fallstricke, so dass die Nutzung von Intuition dennoch mit Vorsicht zu genießen ist und gelernt werden müsse.

Wer sich auf Intuition einlassen und eine solche Kultur in seiner Firma gedeihen lassen will, muss auch Fehler zulassen. So kann der Aufwand von langen Analysen, die auch nicht mehr Erhellung bringen können, verzichtet werden. Entscheidungen auf Basis von Intuition sind weitaus schneller.

Das letzte Kapitel geht darum, wie man eine Kultur der innovativen Improvisation entstehen lassen kann. Ich kann Jedem das Buch empfehlen, der offen ist, Firmenführung neuzudenken. Meine Intuition sagt mir, dass so miteinander zu arbeiten, der richtige Weg ist.

Zur Thematik auch lesenswert ist mein Beitrag zu Prof. Duecks Ansichten über unsere Planungs- und Absicherungswut: Prof. Gunter Dueck bringt es mal wieder auf den Punkt: Wer wirklich will, braucht keinen Aktionsplan

Zum Thema SCRUM: SAPERION benutzt Scrum als Hilfsmittel beim Entwickeln von ECM-Produkten im Rahmen agiler Softwareentwicklung

Und noch agiles BPM: agiles BPM? Passen Geschäftsprozessmanagement und SCRUM-basierte, agile Entwicklung zusammen?

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general | Tags: , , , , , ,

7 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Gerade wurde auf silicon.de gepostet:
    Agiles Prinzip verändert Unternehmen

    Comment | 13 January 2011
  • [...] Blog entdeckt hat, verweist er von seinen Blogs Der Mensch – das faszinierende Wesen & Saperion Blog auf [...]

    Pingback | 14 January 2011
  • [...] This post was mentioned on Twitter by Andreas Zeuch. Andreas Zeuch said: #sinnvollwirtschaften : Was haben Lunge Laufschuhe mit agilem Programmieren wie #SCRUM zu tun? Die Lösung: Intuition! http://bit.ly/gJQdqj [...]

    Pingback | 14 January 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Da ich nun das Buch Feel it! durch habe, hier noch meine Buchrezension auf Amazon:

    agiles Geschäftsprozessmanagement durch intuitive Improvisation

    … so habe ich schon einmal selbst gepostet, da ich den Bezug zum Geschäftsprozessmanagement, meinem Steckenpferd seit 1992, schon zur Hälfte des Buches erkannt hatte. Womit auch schon klar ist, an wen sich dieses Buch richtet: an Alle, die im Geschäftsleben zu lenken, zu entscheiden haben. Aber auch an alle, die merken, dass unsere Arbeitsphilosophie auf andere Füße gestellt werden muss, wollen wir raus aus dem Tal der lethargischen Mitarbeiterschaft und das Potential selbstlernender Organisation und inovativer Mitarbeiter heben.
    Es ist wieder eins der erhellenden Bücher, erfrischend, spannend und auch überzeugend geschrieben. Sehr gut gefallen haben mir die vielen Beispiele aus der Forschung und auch die Geschichten, die sich ereignet haben. Untermauern sie doch immer wieder die aufgestellten Hypothesen. Nach jedem der Kapitel werden nochmals die dazu interessanten Bücher als weiterführende Literatur angegeben.
    Der häufigste Satzbeginn, der uns in aktuellen Marketingmaterialien kommt ist: “In unser immer komplexer werdenden Welt …”. Und genau hier setzt Herr Zeuch ein und macht deutlich, dass wir diese Welt nicht mehr berechnen können. Egal wie lange wir uns Zeit nehmen, ein komplexes Thema durchdringen zu wollen, es werden uns entweder wichtige Informationen fehlen oder wir haben zu viele. Und unsere Annahmen sind spätestens in einigen Wochen wieder über den Haufen geworfen.
    Warum also sollten wir viel Zeit in langwierige Planungen stecken, wenn wir doch meist nur kurz-, wenn wir Glück haben, mittelfristig planen können?
    Aufgrund der Komplexität wird auch ein einzelner, vermeintlicher Experte = Manager keine Chance mehr haben, daher sollten wir auch mehr auf die kooperative Intelligenz des Teams setzen.
    Ich hatte mich in der letzten Zeit viel mit den neuesten Ergebnissen der Gehirnforschung beschäftigt, da mich die Frage umtrieb, ob wir Menschen einen eigenen Antrieb haben, sprich von innen motiviert sind. Herr Zeuch hatte vieler dieser Experimente wieder aufgegriffen und sie zur Untermauerung seiner These, dass uns in dieser komplexen Welt nur wirklich die Intuition für gute helfen Entscheidungten helfen wird.
    Langes Analysieren sei in einer Kultur ohne Fehl und Tadel vordergründig nur die vorweggenommen Entschuldigung, wenn sich die Entscheidung als falsch herausstellt. In einer Kultur, in der Fehler toleriert würden und als Quelle des Lernens genutzt werden, können diese Planungskosten gespart werden. Durch das “agile” Arbeiten, sprich das schnelle gemeinsame Gegensteuern bei einem transparent behandelten Fehler führt zu deutlich mehr Innovation und damit besseren Chancen des Überlebens.
    Herr Zach sieht die Hinwendung mehr zum Menschen. Er führt die Gallup Studie aus 2009 an, in der 89% der Deutschen sich schon verweigert haben und nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Welch ein Potential ist im Geschäftsprozessmanagement hier zu schöpfen? Was, wenn wir Menschen uns mehr vertrauen, zutrauen und damit selbstbestimmt anstatt fremdbestimmt arbeiten.
    Das bedeutet, Manager in einer völlig anderen Rolle zu sehen. Nicht mehr bestimmend sondern moderierend. Die intuitive Intelligenz des Schwarms ist zu fördern, wie uns der Publikumsjoker bei “Wer wird Millionär” immer wieder zeigt, dass er den Expertenjoker sticht. Damit wird Hierarchie, sprich Beherrschung weiter aufgehoben.
    Und hier dürfen wir gespannt sein, ob wir die alte Schule der Betriebswirtschaftler sowie die Machbewahrer in den Firmen so leicht umstimmen können. Da werden uns vermtulich mehr positive Beispiele wie von den Firmen, die im Buch vorgestellt wurden, helfen können, die uns vormachen, wie erfolgreich eine solcher Art geführte Firma sein kann.

    Comment | 18 January 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    “Social” Isn’t Really Such a Big Deal
    so lautet der Titel eines Posts von By Oscar Berg, Senior Consultant at Strategic IT for Acando, veröffentlicht auf dem AIIM-Blog Enterprise 2.0 community

    Comment | 18 January 2011
  • Hier gibt es ein Interview mit dem Autor zum genannten Buch über die Nutzung von Innovation im Falle der Entscheidung in komplexen Problemfeldern. Dr. Zeuch nennt Beispiele, wie uns die Intuition auch leicht in die Irre führen kann:
    http://hr-management.podspot.de/post/hr-management-intuition-im-unternehmen/

    Comment | 12 February 2011
  • [...] Mein Fazit: Das Thema BAM ist noch immer etwas für die großen Firmen. Im Mittelstand verlässt man sich eher auf seine Intuition, sprich man fühlt es, wenn etwas beginnt schief zu laufen (siehe am Beispiel der Gebrüder Lunge). [...]

    Pingback | 5 July 2012

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