Aug
21
2010

Aufarbeitung der Stasi & Co per Schnipseljagd

Normalerweise bekomme ich Gänsehaut, wenn ich einen genialen Auftritt eines Künstlers anschaue. Nun ist es mir das erste Mal in einer Besprechung passiert. Dr. Nikolay vom Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin hatte uns über ein für Deutschland wichtiges Projekt berichtet. Jeder Deutsche kann sich noch erinnern, als während der friedlichen Revolution beginnend am 4.12.1989 die ersten Stasi-Gebäude vom Volk besetzt wurden. Da die Schredder bei der Menge der zu vernichtenden Akten schnell heiß liefen und den Dienst aufgaben, sind die Stasi-Mitarbeiter zur Handarbeit übergegangen. Resultat: 15.500 Säcke voller Schnipsel, die nicht nur die Geschichte der Stasi-Arbeiten enthalten. Es sind auch viele Dokumente der Hitlerzeit enthalten, da die Arbeit der Gestapo hier quasi nahtlos weiterginge.



Die Aufarbeitung solcher zerstückelten Akten von untergegangenen Unrechtsstaaten mittels intelligenter Algorithmen sind zwar auch unbedingt wichtig, erzeugen aber eher Gefühle der schlechteren Art. Die Gänsehaut bekam ich erst, als wir begannen, über andere Anwendungsfälle zu sprechen. Es geht hier um das Bergen von kulturellen Schätzen. So lagern überall auf der Welt zerfallene Bücher und Schriftrollen in Kisten, wo sich noch Niemand daran gemacht hat, die Schnipsel wieder zusammenzusetzen. Denn der Aufwand, dies manuell zu tun ist schier eine Überforderung des Menschen.

Beispiel eines Puzzles von Papyrus Schnipseln

Beispiel eines Puzzles von Papyrus Schnipseln

Nicht auszumachen, welches weitere Wissen zum besseren Verständnis unserer heutigen Welt noch in diesen Kisten schlummern. Und nun ist es nicht mehr weit, auch dieses bisher verlorene Wissen wieder verfügbar zu machen. Das Fraunhofer Institut arbeite schon seit Mitte der 90er Jahre an Techniken zur Rekonstruktion von Dokumenten. Nun kommt der nächste Schritt. Dokumente sind meist Teile von Akten. D.h. wenn die Schnispel einer Dokumentenseite zusammengefügt wurden, müssen die zusammengehörigen Seiten gefunden und eine Akte gebildet werden.

Ich freue mich schon jetzt auf die nächsten archäologischen Entdeckungen und anschließenden “Aktenauswertungen”.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , , ,

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