Oct
14
2011

BPM: Es vollzieht sich ein kultureller Wandel: ECM und Social Business – Eine wunderbare Freundschaft #XCML

Ich war gestern Abend auf der gemeinsamen Veranstaltung ECM und Social Business – Eine wunderbare Freundschaft von XING und IBM in Köln und hatte Gänsehaut! Auslöser war die mehrfache Feststellung des wahrnehmbaren kulturellen Wandels durch die neuen Social Media Anwendungen wie Wikis, Blog und ganz besonders von Anwendungen wie Facebook und Google+. So hat IBM z.B. schon länger Wikis im Einsatz und mittlerweile auch ein eigenes Facebook. Und gerade mit Letzterem sei zu bemerken, dass die Menschen im Unternehemen sich schnell untereinander vernetzt haben und losgelöst von Hierarchien Lösungen zu aktuellen Herausforderungen untereinander erarbeitet haben. Menschen übernehmen damit immer mehr Verantwortung und was viel wichtiger ist: es wird kooperativ Wissen geteilt und nicht mehr konkurrierend gehortet. Damit erhöhen sich die Lösungsvarianten, sprich die innovativen Kräfte im Unternehmen.

Dieser kulturelle Wandel, der von den neuen Sozialen Medien befeuert wird, führt zu einem Paradigmenwechsel in unserem Denken. War es früher so, dass in Meetings sich die Teilnehmer hinter einen Lösungsweg stellten und es um dessen Verteidigung ging, sprich Sieg oder Niederlage und damit Gesichtsverlust. So wird jetzt vermehrt zusammen gekommen, um aus den vielen Lösungsalternativen gemeinsam eine möglichst noch bessere zu entwickeln. Die Teilnehmer sind nun offen für ein Umdenken. Sie gehen davon aus, dass ihr eigenes Modell nur solange richtig ist, bis neue Erkenntnisse zu anderen Rüchschlüssen führen.

Diese Treffen setzen zudem eine andere Besprechungskultur voraus: Die alte Einstellung “ich bin der allein richtig Wissende” wandelt sich in “unser vernetztes Team-Gehirn ist in Summe mehr als das einzelne” und eröffnet damit den Respekt der Meinung der anderen Teilnehmer im Vorhinein. Das Niedermachen anderer Meinungen zur Steigerung des eigenen Egos gehört damit der Vergangenheit an.

Warum sagte ich nun eingangs, dass ich Gänsehaut bekam. Durch meine Arbeiten zum Thema Compliance, also dem Einhalten von Regeln für ein erfolgreiches Wirtschaften, bin ich sehr sensibel auf Nachrichten von Verletzungen gerade ethischer Werte aus der ganzen Welt geworden. Mit Spannung habe ich verfolgt, wie die Menschen im arabischen Frühling auf die Straße gingen, weil aufgrund von Börsenzockerein die Grundnahrungsmittel so teuer wurden, dass das Leben kaum noch finanzierbar war. Dann kam der spanische Sommer, in dem die verlorene spanische Generation zu Hunderttausenden auf die Straße ging, um gegen die Diktatur der Finanzelite zu protestieren und für mehr soziale Gerechtigkeit einzustehen. Kurz danach waren 500.000 Israelis auf den Straßen und Plätzen, weil aufgrund von Immobilienzockereien die Mietpreise nicht mehr zu bezahlen waren. Dazwischen verteidigen die Griechen den Ausverkauf ihrer Gemeinschaftsgüter, weil die Steuern nur noch von den Armen gezahlt wurden. In den letzten Wochen konnten wir dann beobachten, wie sich die Protestwelle in Amerika ausbreitete, ausgehend von der Bewegung Occupy Wall Street, die nun in über hundert anderen Städten darüber aufklärt, dass 99% der Menschen dieser Erde für 1% Reiche arbeitet, und dabei selbst immer weniger zum Leben hat.

Was aber noch viel spannender zu beobachten ist, ist die Art und Weise, wie die Menschen sich in diesen Bewegungen organisieren. Denn hier zeigt sich genau der oben dargestellte kulturelle Wandel. Auf den ersten Blick wirkt alles chaotisch und unkoordiniert. Es gibt keine Führungspersönlichkeiten, keine Hierarchien, was es der Polizei schwierig macht, die Proteste zu “beruhigen”. Jeder Teilnehmer der Proteste sieht sich als gleichen Teil, der dazu beitragen will, etwas zum Besseren beitragen zu wollen. Und das absolut friedlich und dabei nicht persönlich angreifend werdend.

Schaut man dann genauer hin, wie diese Menschen sich organisieren, dann erkannt man genau das: man trifft sich auf großen Plätzen und bespricht gemeinsam, wofür demonstriert werden soll und mit welchen Aktionen dies erfolgen soll. Dabei hat Jeder eine kurze Redezeit und wird angehört. Mittels vorher verabredeter Handzeichen erfolgt Zustimmung, Ablehnung, Untentschiedenheit, die Anmeldung ergänzender Beiträge oder die Aufforderung schneller zum Ende zu kommen. Am Ende wird im Konsens entschieden. Ist kein Konsens zu ereichen, wird die Aufgabe in einer Arbeitsgruppe weiter bearbeitet und später wieder eingebracht. Wenn nach zweimailger Weiterbearbeitung noch kein Konsens erzielt wird, wird bei einer 9/10 Mehrheit beschlossen. Die Moderatoren wechseln laufend, so dass sich kein Führer hervorheben kann.

Auf diesen Plätzen ist alles durch organisiert. Es gibt Bereiche für die Versorgung und Bereiche für die Betreuung von Kindern. Es gibt Personen, die sich um die Sauberkeit kümmern genauso wie Wachen, die verhindern, dass Gewalt eindringen kann. Wer mehr über die Methodik der Organisation der so genannten Vollversammlungen wissen möchte, hier ist ein ausführlicher Bericht darüber. Gespannt dürfen wir nun sein, was in Deutschland an diesem Wochenende, dem 15. Oktober passieren wird, denn diesen Termin riefen die Spanier schon im Juni als Weltprotesttag für mehr Demokratie jetzt! aus. Und so wie es aussieht, beginnt nun auch die Occupy-Bewegung in Deutschland. Auch hier haben die Menschen das Gefühl, dass seit einigen Jahren etwas mächtig schief läuft und sich jetzt in der Finanzkrise klar zeigt. Zu den über tausend angemeldeten Städten in über 70 Ländern wurden in über 50 deutschen Städten Demonstrationen angemeldet. Die größte wird wohl in Frankfurt erwartet, wo der Zug zur EZB gehen soll. Auch hier heißt es: keine Gewalt, keine Symbole von Parteien, Gewerkschaften oder anderen Organisationen. “Menschen wie Du und ich” stehen für mehr Beteiligung an den Entscheidungen in der Gesellschaft ein. Die Menschen wollen sich als Wissende in die Entscheidungsprozesse einbringen, so wie es auf der Bühne der Podiumsdiskussion mit Blick auf das Innere von Firmen zu hören war.

Wenn wir auf die Geschichte schauen, dann scheint wohl auch die Zeit für diesen Wandel gegeben, denn:

Wir haben Jahrtausende gebraucht, um unsere Agrarwirtschaft zu optimieren

Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um unsere Industrie zu entwickeln

Wir haben Jahrzehnte gebraucht, um unsere Informationstechnologie voranzubringen

Brauchen wir nun nur noch Jahre, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass wir unsere Erde nur nachhaltig nutzen können, wenn wir alle gemeinsam (kooperierend), selbstverantwortlich und friedlich an den Lösungen für eine Ökonmie arbeiten, die uns alle gemeinsam glücklich macht?

Damit zum Schluss auch der Bogen wieder zum Titel zurück kommt. Ich erwarte, dass sich die Social-Media-Anwendungen in den Unternehmen mehr “verhindern” lassen, und das Thema Aufbewahrung von Electrronic Records, die in Social Media Anwendungen wie Wikis, Blogs, etc. während der Fallbearbeitung anfallen, genauso den Weg in das elektronische Archiv finden, wie es mit der E-Mail und den Inhalten von Web-Auftritten ist. Es ist einfach ein weiterer Input-Kanal, der zu berücksichtigen ist.

Stefan Pfeffer hatte mir aus dem Herzen gesprochen, als er sagte, dass man sich doch bitte um das Thema der Archivierung nicht so einen großen Kopf machen solle. Speicher kostet nichts mehr, daher solle man einfach alles archivieren und über eine “intelligente Suche” (inkl. Datenschutzbeachtung) im Falle eines Rechtsstreits für die die Bereitstellung der notwendigen Informationen sorgen. Der Schwerpunkt muss es sein, die verantwortlichen Menschen in den Unternehmen mit Anwendungen so zu unterstützen, wie es für sie den größten Nutzen hat. Also erst die Menschen anhören, was sie wirklich brauchen und erst dann mit Ihnen die Technik aussuchen und einführen.

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3 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Kleiner Nachklapp: ich erwähnte, dass am 15. Oktober die Menschen auf die Straße gehen würden, bewegt durch den kulturellen Wandel für mehr demokratische Mitbestimmung. Während es in Deutschland am Samstag gerade mal 40.000 Menschen waren, sind allein in Madrid hunderttausende zusammen gekommen. Hier ist ein beeindruckendes Video, das eine imposante menschenmenge singend zeigt, u.a. anderem die Ode an die Freude: “… alle Menschen werden Brüder”.

    Die Presse in Deutschland sieht derzeit nur (gelenkt?) die eine Kritik an den Banken. Wenn man sich aber die Plakate genauer anschaut, so kann man eine umfassende Systemkritik erkennen: Die Menschen fühlen sich nicht mehr von ihren gewählten Repräsentanten vertreten und sehen damit die Demokratie in Gefahr.
    Dieser Ausdruck zeigt deutlich den durch die neue Social Media Anwendungen verursachten kulturellen Wandel. Wer sich im Netzverwerk informiert, durchdringt Themen inzwischen viel weiter als unsere Politiker, die diese noch kaum nutzen. Und so wird hilflos erkannt, wie unwissend diese Entscheidungen für die Menschen fällen. Daher wird der ruf nach mehr Beteiligung laut. Mehr direkte Demokratie z.B. durch Volksbegehren, wie wir sie in der Schweiz sehen und wie das sogar in Artikel 20 unseres Grundgesetzes steht:

    “(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.”

    Und hier habe ich einen beeindruckendes Video von den spanischen Asambleas vom Mai gefunden, das zeigt, wie direkte Demokratie höchst organisiert aussehen kann. hier wurden Entscheidungen im Konsens getroffen:

    .
    Dieses Video erklärt, wie Konsensentscheidungen in großen Mengen durchgeführt werden können:

    .
    Das Nachsprechen empfinde ich persönlich als ineffizient, da es zu viel Zeit kostet. Allerdings hatte hier die Polizei verboten, entsprechende Lautsprechersystem zu verwenden, so dass es nicht anders ging. So konnten auch die hinten Sitzenden verstehen, was gerade vorgetragen wurde.

    Comment | 17 October 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Mit Blick auf den 15. oktober und auf den kulturellen Wandel in den Firmen durch die Social Business Anwendungen erstrahlt dieser ältere Artikel von mir in ganz neuem Glanz:
    Geschäftsprozessmanagement: Wahnsinn, Utopie oder einfach nur die zukünftige Art der Firmenführung

    Comment | 19 October 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Prof. Michael Groeschel hat einen interessante Folienvortrag auf Slideshare eingstellt, der das Thema Nutuzng von Social Media für Firmen beleuchtet. Sein Fazit: besser mitmachen als fernbleiben, denn es wird eh über Sie gesprochen:
    http://www.slideshare.net/mgroeschel/social-media-da-kommt-was-auf-die-unternehmen-zu

    Comment | 12 January 2012

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