Oct
21
2011

BPM: Unsere Welt ist komplex und nicht berechenbar – daher wurden wir mit Intuition ausgestattet

Ich hatte vor einiger Zeit über einen jungen Mann berichtet, der neben mir im Zug einen Würfel in der Hand hin und her dreht und mir über seine Methodik gruppenbing erzählte, die dazu dient in großen Gruppen effizient zu fundierten Entscheidungen zu kommen. Nun hat Alexander Tornow er einen Foliensatz auf Slideshare eingstellt, der sich dem Thema Entscheidung bei komplexen Situationen annimmt. Dabei empfiehlt er, sich stärker auf seine Intuition zu verlassen, wie es auch Dr. Andreas Zeuch in seinem Buch Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen vertritt und ich es an einem Beispiel in dem Artikel agiles Geschäftsprozessmanagement durch intuitive Improvisation a la SCRUM behandelt habe. Auch Noreena Hertz spricht sich in einem lehrreichen Vortrag zum Umgang mit Experten auf einer TED Konferenz dafür aus, sich mehr auf seinen Bauch zu verlassen.

Ich möchte im Folgenden seine Argumgentationskette, die auf neuesten Erkenntnissen von Gehirnforschern fußen, für seine Aufforderung “Hören Sie öfter auf Ihr Bauchgefühl” darlegen.

Der “Bauch” kann Komplexität sehr gut verarbeiten und drückt dies durch Gefühle aus.

Bewusste Entscheidungen werden vom expliziten System getroffen. Dem sogenannten Pilot. Hierfür stehen uns 40-50 bits/sek. zur Verfügung. Damit können wir Fragestellungen mit  4-5 Eigenschaften, die untereinander abgewägt werden müssen, bearbeiten und gute rationale Entscheidung treffen. Bei mehr als 4-5 Eigenschaften, die unter- bzw. miteinander abzuwägen, wird es kritisch.

Darüber hinaus reihen wir diese Eigenschaften meist aneinander – wir denken linear. Kreisläufe und gegenseitige Beeinflussung oder Verstärkung der Eigenschaften sind schwer oder gar nicht erfassbar. Wenn dann noch mehr Eigenschaften zukommen, überlasten wir uns Gehirn völlig.

Trotzdem können wir in den meisten Fällen korrekte Entscheidungen treffen, unbewusst. Verantwortlich ist unser “Bauch”, der permanent Komplexität verarbeitet. Das Bauchgefühl wird auch implizites System genannt – oder auch Autopilot. Es ist ein weit verzweigtes Netz aus Spiegelneuronen und Basalganglien. Das implizite Gefühl oder auch die Intuition kann unglaubliche 11.000.000 Bits/sek. verarbeiten. Es können also alle Eigenschaften, und fast alle Eventualitäten und Auswirkungen in der Berechnung berücksichtigt werden. Zum Vergleich: In unserem Bewusstsein befinden sich beim Lesen ca. 45 bit/sek, beim lauten Lesen 30bit/sekund beim Rechnen hantieren wir mit 12bit/sek.

Für Herrn Tronow ist es Grund genug, mehr auf die Intuition zu vertrauen. Denn im Bewusstsein werden nur Bruchteile der Informationen verarbeitet. Gut dass uns die Natur zum Denken mit dem “Bauch” ausgestattet hat.

Der Bauch geht permanent mit Komplexität um. Doch was ist Komplexität eigentlich? Komplexität liegt im Prinzip zwischen der völligen Ordnung und dem totalen Chaos. Man könne es auch anders vergleichen:

Die totale Ordnung ist der Stillstand – oder auch Tot. Das Chaos ist das totale Durcheinander. Bürokratie vs. Anarchie. Dazwischen liegt das normale Leben., die Komplexität. Ein komplexes System ist ein System mit einem großen Verhaltensspektrum. Eine komplexe Situation ist eine Situation, bei der vieles möglich ist. Jede soziale Situation ist komplex. Denn es gibt unzählige Einflussfaktoren und unzählige Möglichkeiten. Komplexe Situationen sind Situationen von Unsicherheit

Der Mensch hat schon immer mit Komplexität gelebt. Beginnend vor 200.000 Jahren war der Mensch permanent Unsicherheitssituationen ausgesetzt. Er konnte gefressen werden, er konnte sich verletzenoder vergiften, er konnte verhungern oder erfrieren, er musste sich gegen Rivalen verteidigen etc. Komplexität hat den Menschen immer begleitet.

Dann kam die Naturwissenschaft und zeigte auf, dass alles erklärbar, jedes Phänomen berechnen sei inkl. einer Erklärung. Vor etwa 200 Jahren begannen die Menschen, ein Gefühl von Sicherheit zu entwickeln. Sicherheit setzt Kapazitäten frei, was mehr Zeit für Anderes zu haben bedeutet . Damit entwickelte sich die Menschheit rasant. Maschinen, Technik und Industrie dominierten fortan und gaben den Menschen das Gefühl von Ordnung und Beherrschbarkeit. Alles war determiniert – die Zukunft war anhand der jetzigen Bedingungen vorbestimmt. Und nun setzt Herr Tornow mit den Kritiken an:

Doch nichts ist vorbestimmt. Die Natur ist nicht berechenbar. Teilweise kann mit den Möglichkeiten, die die Natur zum Rechnen bietet, nicht einmal umgegangen werden, da es astronomisch hohe Zahlen sind.

Anhand von Lampen untermauert er sein These: 1 Lampe kann an und aus sein. Kann also 2 Zustände einnehmen. 5 Lampen können 32 Zustände einnehmen. 10 Lampen 1024. Mit jeder Lampe, die dazu kommt, verdoppelt sich die Möglichkeit des Systems:

15 Lampen = 32.768 Zustände,
25 Lampen = 33.554.432 Zustände
50 Lampen = 1.125.899.906.842.624 Zustände

Als weiteres Beispiel lässt sich auch Schachspiel anführen:

Nach 2 Zügen sind 72.000 Stellungen möglich. Das Spiel kann 10115 Spielverläufe annehmen. Eine Zahl mit 115 Nullen! Hier sind die Regeln bekannt. Man sieht jeden Zug. Man ist nacheinander dran.

In der Wirklichkeit sind Regeln nicht immer bekannt. Man weis noch nicht einmal, wer die Spieler sind und über welche Möglichkeiten ein jeder verfügt (jeder hat ca. 10.000.000.000 Gehirnzellen und eine lange Vergangenheit).

Und wenn wir uns nun die Explosion der Menge an Informationen um uns herum anschauen, so beschleicht uns ein wages Gefühl einer wachsenden Ohnmacht, ihr nicht mehr Herr werden zu können (siehe auch Lassen wir uns von der Informationsflut versklaven?). Also ist es besser zu lernen, mit dieser wachsenden Komplexität umzugehen.

Zu viele Informationen würden uns überlasten, weshalb es Strategien bedürfe. Dazu gehört auch mal Abschalten oder Ausblenden (siehe auch Sich ständig ändern zu müssen ist wider den Energiehaushalt unseres Gehirns). 10 Milliarden Bits strömen sekündlich durch die Sinnesorgane in uns, welche zunächst auf 100 bits reduziert werden, um dann auf 10 Millionen Bits durch Assoziierung und Resonanz angereichert zu werden. Wir blenden aus und assoziieren dazu auch noch.

Wir können Komplexität sinnvoll senken, z.B. durch: Ordnen, Ziele & Planung oder Routinen, Regeln und Gewohnheiten.

Oder erhöhen unsere Komplexität: wir nutzen Erfahrung Anderer wie z.B. Tipps, um besser Ordnen zu können (sieh auch Unsere Welt wird immer komplexer. Laut Prof. Peter Kruse hilft als Strategie bald nur noch die Intuition des Teams). Oder  wir erhöhen unsere Verarbeitungskapazität durch Einsatz von Software oder die Verbesserung der Informationsstruktur, insgesamt, sprich Nutzung besserer Informationquellen.

Blendet man aus durch Reduktion der Komplexität, kann es immer passieren, dass man etwas wichtiges übersieht. Das ist das ganz normale Risiko, was einem ständig begleitet. Jeder hat da für sich eigene Methoden gefunden, sich eine eigene Ordnung und Systematik zu schaffen. Auf der anderen kann Seite erhöht eine neue Software die Informationsmenge, wodurch eine eine Belastung riskiert werden kann. Die Empfehlung von Herrn Tornow lautet daher:

Das beste Mittel zur Bewältigung von Komplexität ist Erfahrung. Und das Bauchgefühl. Da die Welt entgegen mancher klassischen, wirtschaftswissenschaftlichen Meinung nicht berechenbar ist, hilft uns nur Erfahrung. Denn wir wissen dadurch eine Situation besser einzuschätzen und assoziieren zuverlässiger. Denken Sie also lieber nicht linear, sondern in Zusammenhängen, Nebenwirkungen und Wahrscheinlichkeiten. Und mit Ihrem Bauch. Dann wird Komplexität für Sie kein Problem sein.

An dieser Stelle der Folien hören ich nun auf. Für jene, die sich schon mit den Kritiken von Prof. Gunter Dueck an den “alten” Theorien unserer Wirtschaftswissenschaftler anfreunden konnten, kann ich ein Weiterlesen empfehlen. Denn Herr Tornow geht auf Basis des Vorhergesagten nicht nur mit unseren alten Wissenschaftsstrukturen ziemlich ins Gericht, sondern auch mit unserer Wirtschaft und Politik. Und wenn ich ehrlich bin: mein Bauch signalisiert nicht unbedingt ein Unwohlgefühl, wenn ich auf die Berichte zu den Protesten des 15. Oktober 2011 schaue. Auch hier scheint das Thema Komplexität eines zu sein, weshalb die Bewegung ja auch in die Kritik der Medien kam: viele Kritik, aber zu wenig Konkretes

Komplexität versus Chaos

Komplexität versus Chaos

 

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,process management | Tags: ,

2 Comments »

  • [...] wichtiges Instrument, das wir Menschen wieder erlernen müssen, ist die Intuition. Weil die Zukunft der Märkte aufgrund der komplexen Zusammenhänge nicht (mehr) berechnet [...]

    Pingback | 5 April 2012
  • Dr. Martin Bartonitz

    Allzu leichtfertig sollten wir uns gerade bei einfachen Aufgabestellung nicht unser Intuition hingeben, wie dieser Artikel auf Zeit Online zeigt:

    Intelligenz Kluge Menschen irren sich häufiger

    Intelligenz hat auch Nachteile, stellt eine amerikanische Studie fest: Demnach irren sich kluge Menschen deutlich häufiger, weil sie ihrer eigenen Hybris erliegen.

    Comment | 28 July 2012

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