Jul
09
2010

BPM zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt

Dass da was im Schwange ist auf dem BPM-Sektor, hatte ich schon in vielen meiner Post allmählich herausgearbeitet, z.B. mit WfMC´s Vordenker proklamierten nächste BPM-Revolution mit Adaptive Case Management Ende 2009 in Maidenhead und Wird die nächste Generation von Workflow-Systemen adaptiv? Mir scheint aber, dass da noch mehr durcheinander geraten ist. Auf LinkedIn läuft seit Tagen in der  Business Process Management Professionals Group eine äußerst konträre Diskussion. Gestartet war sie mit einer Frage von Rupesh Vashist, die da lautete: “Why do you think BPM could not take off like ERP or CRM?“.
Innerhalb eines Monats sind nun über 100 Antworten (gerade jetzt sind es 102 geworden) gekommen, von den unterschiedlichsten Experten mit den unterschiedlichsten Bewertungen beginnend beim methodischen BPM, über die Fittnes von BPM-Systmen bis hin zum Vermarkten und Einführen beim Kunden. Ich versuche mal die wichtigsten Argumente zusammenzufassen:

<——— Die folgenden Sätze sind Extrakte aus den Kommentaren des LinkedIn Threads und spiegeln nicht meine Meinung wieder ——–>

ERP- und CRM-Systeme sind fertige Lösung mit Prozesstemplates für eine bestimmte Anforderung  und können nach “wenigen” Anpassungen in die Produktion gebracht weden: Quick Win!

BPM-Systeme sind reine Baukästen, mit denen Prozess-zentrische Anwendungen erstellt werden können. Die Einführung dauert meist länger. Die umzusetzenden Prozesse sind meist nicht dokumentiert und müssen anfangs erhoben werden. Zur Vermeidung von Medienbrüchen sind andere Anwendungen zu integrieren. Daher müssen die Fachabteilung und die IT-Abteilung noch enger zusammenarbeiten, was häufig noch mehr Probleme macht.

BPMS-Hersteller versprechen zu häufig Plug and Play, d.h. die einfache Umsetzung der Prozess durch die Fachabteilungen allein. Es fehlt an flexiblen Standardfunktionen. Es muss häufig zu viel Individuelles hinzuprogrammiert werden.

Der Umfang der BPM-Systeme ist so groß, dass eher Verwirrung als Klarheit herrscht. Gepaart mit den vielen möglichen begleitenden Methoden, die von Beratern zur Nutzung von BPMS empfohlen werden, wird dann der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen.

Der Umfang des BPM-Themas selbst ist mittlerweile so groß, dass jeder etwas anderes unter BPM versteht (Anmerkung: man Werfe mal einen Blick in die Artikel von Wikipedia zu Prozessmanagement, Arbeitsaublauf, Workflow-Management, Geschäftsprozessmodellierung. Ziemlich kunterbunt, keine Systematik! Aber immerhin:Die BPM-Wolke nimmt weiter Strukturen an)

50% der Sachbearbeiter findet durch Knowledge Worker in nicht vorhersehbaren Prozessen statt (es ist nur ein Prozess ex post). Wird versucht, diese in einen strukturierten Prozess zu stecken, fehlt es an Flexibilität (-> Adaptive Case Management)

Prozesse werden häufig ohne eine begleitende Methode wie 6 Sigma eingeführt. D.h. es werden keine Messungen gegen definierte Key Performance Indicator vorgenommen. So wird das Potential der andauernden Optimierung vertan.

Das Marketing der Hersteller kommt als Techno-Sprech daher, d.h. es fehlt an Fach-Sprech und erreicht damit nicht die Fachabteilungen. Es sollten besser gleich Lösungstemplates, wie das ERP und CRM sind, angeboten werden (Anmerkung: z.B: Eingangsrechnungsfreigabeprozess, Personalakte, Vertragsverwaltung, Schriftgutverwaltung, …).

Innovation wird verhindert, wenn man sich zu sklavisch an den definierten Prozess halten muss. Innovation findet immer außerhalb des Prozesses statt (Anmerkung: siehe auch den Post adaptives Prozessmanagement: “Lass mal Dein Wasser aus der Swimlane und besorg Dir schnell im Laden, was Du brauchst”), sonst wäre es keine Innovation.

BPM kann nicht gefehlt haben. Es gibt zu viele Hersteller, die schon länger am Markt sind. Ebenso viele Beratungsfirmen mit Experten,die viel zu tun haben. Und es gibt neben einigen gescheiterten viel mehr zufriedene Kunden.

Wenn sowohl die Kunden glücklich sind als auch die Mitarbeiter, dann kann es der Fa. nur gut gehen.

BPM-Projekte generieren nicht genügend $-dimensionierte Projekte für die großen Beratungsfirmen, weshalb sich diese mit anderen Themen beschäftigen.

BPMS-Hersteller fokussieren zu wenig auf die KMUs, sprich mit zu wenig kleinerpreißigen Lösungen und schielen zu häufig auf die brößeren Projekte bei den größeren Kunden.

Das Einzige, was BPM mit ERP und CRM zu tun hat, ist, dass es auch ein TLA (Three Letter Acronym)  ist.

BPM muss so einfach zu benutzen werden wie ein Spreadsheet. Anwender müssen in der Lage sein, zu jeder Zeit das erarbeitete Wissen in adaptive Templates für die nächste Nutzung zurückzuspielen.

<——— Die aufgeführten Sätze waren Extrakte aus den Kommentaren des LinkedIn Threads und spiegeln nicht meine Meinung wieder ————>

Unterm Strich ist festzustellen, dass BPM-Projekte komplex sein können. Wenn schlecht methodisch begleitet, in die Hose gehen können. Aber wenn man es richtig macht, viel Potential zu bergen ist.

Wir haben einen Kunden, der mit einem kleinen Team hoffnungslos Überstunden schob, um die anfallende, zugegeben repetative Arbeit zu bewältigen. Nach Einführung von Imaging und Workflow hat das Team nach 2 Jahren ohne Überstunden die 4-fache Menge geschafft. Mittlerweile ist das Team stark angewachsen, aber auch das Volumen des Umsatzes, der über die Anwendung bewegt wird.

Ich bin überzeugt, dass in der Kombination von Content und Workflow Management auch die Flexibiltät von Arbeit nicht leidet. Und im BPM gibt es zudem Methoden, die sich nicht nur um die Effizienz von Prozessen (Kostensicht kümmern) sondern sich um den Kundennutzen dreht, siehe Post Business Process Management (BPM) mit neuer Disziplin: Customer Expectation Management (CEM) bindet Kunden besser. Und wenn dann neben flexiblen Prozessen auch noch Methoden zur Sicherstellung der intrinsischen Motivation der Mitarbeiter angewendet werden, dann steht laufender Innovation auch nichts mehr im Wege, siehe Post Prozessoptimierung: Was machen erfolgreiche Unternehmen besser? Wieso sind ihre Mitarbeiter motivierter?

Was ist Ihre Meinung zum Take Off von BPM? Was sind Ihre Erfahrungen mit BPM-Projekten?

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , , , ,

6 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich habe gleich noch was hinterzuschicken.
    Man kann sich fragen, warum denn zunehmen Kritiken zu BPMSen laut werden. Folgt man dem Gartner BPM Hype von 2009, so ist das völlig normal. BPMS haben den Zenith der hohen Erwartungen hinter sich und sind unterwegs in das Tal der Ernüchterung. Und laut Gartner dürften das etwa 1-2 Jahre sein. Dies wird dann die Zeit sein, die die BPMS-Hersteller nun brauchen, um die aufgefallenen Lücken zu schließen.
    Siehe auch: Noch ein grüßendes Murmeltier: Gartners jährlicher Blick in die Kristallkugel zu Trends im BPM

    Comment | 9 July 2010
  • Ein sehr interessanter Artikel. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein wesentlicher Grund für die momentane Entwicklung des BPM darin liegt, dass der Nutzen eine gewisse Geduld und mehr Engagement voraussetzt als dies etwa bei CRM der Fall ist. Das Potential steht für mich außer Frage, allerdings trifft man nach meiner Erfahrung oft auf viel Skepsis was die Umsetzung und Einführung in ein Unternehmen angeht. Dein Beispiel von der Firma, die durch BPM-Maßnahmen erst im Stande war ihre Aufgaben zu bewältigen zeigt wie es laufen kann, wenn man es wirklich durchzieht. Vielleicht sollte weniger davon gesprochen werden, was erreicht werden KANN durch den Einsatz von BPM und mehr davon berichtet werden, was bereits erreicht WURDE. Vielen Dank für deine Zusammenfassung dieser Diskussion!

    Aljoscha

    Comment | 13 July 2010
  • [...] This post was mentioned on Twitter by imatics. imatics said: RT @bpmvision: #BPM zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt http://ow.ly/2aEX1 ; interessanter Artikel zur BPM-Stimmung [...]

    Pingback | 13 July 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich habe noch einen sehr schönen aktuellen Artikel zum BPM Hype und dem Probleme der Unterdrückung von Innovation durch zu starke Strukturierung von Prozessen innerhalb von Anwendungen gefunden. Auch Kai-Uwe Schäfer nimmt den Faden der WfMC Vordenker auf, dass unsere Anwendungen adaptiver werden müssen, sprich den Wechsel viel besser unterstützen können müssen. Wie das allerdings gemacht werden kann, sieht auch er noch als nicht geklärt an. Der Artikel Kritische Betrachtung zu BPM als Hype ist auf der SOA-Know-How-Plattform der BITKOM zu finden.

    Comment | 17 July 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    BITKOM sieht viel Potential für BPM-Systeme auch bei KMUs und hat einen Leitfaden veröffentlicht:
    http://www.it-business.de/index.cfm?pid=2440&pk=268661&cmp=rss-bep
    So heißt es, dass 2011 das weltweite Gesamtmarktvolumen für BPM-Werkzeuge und Integrationsdienstleistungen nach Schätzungen auf über 4 Milliarden Dollar steigen soll.

    Comment | 23 July 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Auf LinkedIn wurde gleich weiter gefragt:
    Why is the penetration of BPM Solutions (BPMS – the technology aspect of BPM) so limited?
    Auch hier ist der Tenor, dass BPMS zu starr und nicht flexibel genug seien und deshalb noch immer überwiegend Prozessmanagement mit Tools wie Visio, Excel und Word gemacht würden.

    Comment | 9 August 2010

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