Jan
09
2011

Brauchen Blogger gelegentlich einen Cäsaren-Flüsterer?

Bei den Römern fuhr der Triumphator, der siegreiche Feldherr  auf während der Prozession einem vierspännigen Wagen. Er trug die Kleidung des Jupiter Optimus Maximus, wurde also gottgleich. Um sich immer seiner Sterblichkeit bewusst zu sein, stand hinter ihm ein Sklave, der ihm zuflüsterte: „Du bist ein Mensch“. Am Ende des Triumphes, am Jupitertempel legte der Triumphator das Ornat in einer Zeremonie ab und wurde wieder zu einem Menschen.

Was hat das nun mit den Bloggern zu tun? Man machte mich darauf aufmerksam, dass das Bloggen in der virtuellen Welt des Internets vielleicht  auch das Potential zum Süchtigwerden (nach Ruhm?) hat. Vorgelesen wurde mir eine Passage aus dem Thriller ALLWISSEND von Jeffery Deaver, die ich im Folgenden ungekürzt wiedergeben möchte:
>>>> Beginn der Sequenz <<<<

Da sah er sie plötzlich mit flehentlicher Miene an. »Eine Sache
noch. Agent Dance. Bitte!«
Sie hob eine Augenbraue.
»Ich brauche etwas. Es ist wichtig«
»Und das wäre. James?«
»Ein Computer.«
»Wie bitte?«
»lch brauche Zugang zu einem Computer. Bald. Noch heute.«
»Ihnen stehen im Gefängnis Telefonanrufe zu. Kein Computer«
»Aber der Report … ich muss meine Storys hochladen.«
Da konnte sie ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. Er machte sich keine Gedanken um seine Frau oder die Kinder. sondern nur um das kostbare Blog. »Nein, James, das können Sie vergessen«
»Aber ich muss. Ich muss!«
Als sie diese Worte hörte und dazu sein verzweifeltes Gesicht sah, begriff Kathryn Dance endlich. was in James Chilton vorging. Die Leser bedeuteten ihm nicht das Geringste. Er hatte bedenkenlos zwei von ihnen ermordet und würde auch, ohne mit der Wimper zu zucken, noch weitere umbringen.
Auch die Wahrheit war ihm egal. Er hatte wieder und uieder gelogen.
Nein, die Antwort war ganz einfach: James Chilton war süchtig. Genau wie manche Spieler von DimensonQuest und so viele andere, die sich in der synthetischen Welt verloren. Er war einem messianischen Wahn verfallen. Er war abhängig von der verführerischen Macht, das Wort – sein Wort – zu predigen und in die Hirne und Herzen von Menschen in aller Welt zu pflanzen. Je mehr seine Überlegungen, seine Phrasen, seine Lobeshymnen gelesen wurden, desto ekstatischer war der Rausch.
Dance beugte sich bis dicht vor sein Gesicht. »James. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um daür zu sorgen, dass Sie – in welches Gefängnis Sie auch kommen mögen – nie wieder online gehen können. Für den Rest Ihres Lebens«

>>>> Ende der Sequenz <<<<

Der Autor behandelt in seinem Krimi die Welt der virtuellen Spiele, in der sich so mancher verliert und Wirklichkeit und Fantasie kaum noch auseinanderhalten kann. Gespielt wird über Awatare, die sich durch die Welten bewegen und mit anderen interagieren. Parallel dazu gibt es Chats und Blogs in denen man sich austauscht. Und der obige James will der absolute Gut-Mensch mit entsprechenden Posts auf seinem Blog sein, und verstrickt sich dann doch in eine Affäre mit der Frau seines Freundes, was nicht so gut in sein Gut-Bild passt. Und um hier zu vertuschen, begeht er Morde. Dabei hilft ihm das Wissen um die Probleme der Zielpersonen, das er sich aus den diversen Internetquellen besorgt hat. Das Buch soll sehr spannend sein und auch sehr nachdenklich stimmen, was die Nutzung der Internetmedien angeht. Vorsicht ist geboten, auch hier das Mittelmaß zu finden.

Was mein Bloggen angeht, so werde ich mich doch etwas mehr beobachten in der nächsten Zeit ;-)

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general | Tags: , ,

3 Comments »

  • :D mit einem Schmunzeln gelesen und dennoch zum Nachdenken animiert. Es ist schon ein wahrer Kern dahinter – aber ob man tatsächlich nach Ruhm strebt dabei?

    Comment | 12 January 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich denke, es ist weniger der Ruhm, nach dem ein Blogger strebt, sonder mehr die Aufmerksamkeit. Er fühlt sich respektiert in seiner Selbstwahrnehmung und dies gibt ein Glücksgefühl, von dem man immer mehr haben will. Das ist ähnlich wie mit einer positiven Arbeitsumgebung. Wenn das Team eine Kultur des respektvollen Umgangs pflegt, der auch Fehler tolleriert und diese dazu nutzt besser zu werden, wie bei SCRUM-Teams praktiziert, dann will man davon auch mehr.
    Und wenn man dann auf die Gallup Studie aus 2009 schaut, bei der herausgekommen ist, dass über 90% der Deutschen innerlich gekündigt haben, weil sie in der Fremdbestimmung nicht respektiert werden, dann haben wir da ein sehr großes Potential in der Verbesserung im Geschäftsprozessmanagement :-)

    Comment | 12 January 2011
  • Hallo Martin! Ich bin sicher: Du musst Dir nun zu allerletzt Gedanken machen, ob Du »immer mehr willst« ;) Pflegst doch wirklich ein sehr ruhiges, bedachtes Schreiben hier. In bestem Sinn!
    Das Buch übrigens soll ja stilistisch nicht sonderlich gut sein, wenn man die Kritiken liest: Also lieber vorher reinschauen, wer sich mit dem Gedanken trägt, es zu kaufen …

    Comment | 5 April 2011

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