Dec
20
2010

Case Management ein alter Hut? Neben Kostensenkung hat es auch viel mit Humanismus zu tun

Ausdruck der Vielseitigkeit

Ausdruck der Vielseitigkeit

Ich hatte Mitte des Jahres folgende Beobachtung gemacht: WfMC´s Vordenker proklamierten nächste BPM-Revolution mit Adaptive Case Management Ende 2009 in Maidenhead. In dem hierin erwähnten Buch gibt es einige Hinweise, wo denn Case Management betrieben wird. Nun habe ich es mal etwas genauer wissen wollen, jedenfalls aus Sicht des Case Managers. Grundzüge des Case Managements sind schon Mitt des 19. Jahrhunderts in den USA gelegt worden. Mit der Gründung des ersten „Board of Charities“ wurde der Versorgungsbedarf von neu eingetroffenen Einwanderern in dieser Art koordiniert, so dass sie die nötige Hilfe zur Ansiedlung erhalten konten.

Anfang der 1990er Jahre wurde in den USA dann dieses Konzept auf die Krankenpflege übertragen. Wie immer erst einmal unter dem Aspekt der Kosteneinsparung, indem u.a. Hierarchien reduziert werden. Denn durch die stark prozess-orientierte Begleitung eines Patienten durch einen Case Manager gibt es reichlich Potential. Auf Basis seiner großen Erfahrungen koordiniert er alle Tätigkeiten rund um den Patienten und spricht sich mit allen involvierten Parteien, seien es die Ärtze, Pfleger oder Versicherungen ab. Ziel ist es, in allen Stationen der Genesung einen reibungslosen Ablauf zu erzielen, immer in der Balance zwischen Kosten und der Wertschätzung des Patienten.

Die Abläufe sind sehr komplex und im Vorhinein nicht bestimmbar. Gerade während des Krankenhausaufenthalts sind viele Patienten parallel durch die Prozesse zu begleiten. Und da hier das Unerwartete die Regel ist, müssen immer wieder Anpassungen an den individuellen Abläufen vorgenommen werden. Im Krankenhaus ist gerade die optimale Auslastung der Operationssäle, aber auch der Betten ein Budgetaspekt. Beeindruckt hat mich das Anforderungsprofil eines Case Managers.

Axel Schwarz hat in seiner Zertifikatsarbeit Case Management in 2006 folgende Aufstellung aufgemacht:

Berufliches Selbstverständnis

  • •Positive Grundeinstellung gegenüber den verschiedenen Kunden/Klienten/Kooperationspartnern
  • •Klarheit über Funktion des Case Managers
  • •Ressourcenorientierung
  • •Patienten- /Klientenorientierung als ethische Grundlage

Sach und Systemkompetenz

  • •Erklärungs- und Handlungswissen
  • •Organisationswissen
  • •Kenntnis von medizinischen / sozialen Infra- und Versorgungsstrukturen
  • •Kulturelles Wissen
  • •Arbeitsfeldspezifisches Wissen
  • •Stichworte: Konzepte und Strategien, Rechts- und Verwaltungskenntnisse, Wissen über Organisationsentwicklung, Wissen über Zielgruppen, Lebenslage und Lebensumstände, soziale Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit, BWL-Kenntnisse CASE MANAGEMENT in der Pflege

Methoden und Verfahrenskompetenz

  • •Networking
  • •Verfahrenskompetenz in Assessment, Monitoring, Serviceplanung, Linking
  • •Coaching
  • •Wissensmanagement
  • •Evaluationskompetenz
  • •Stichworte: analytische, informatorische, planerische, verfahrensichere Fähigkeiten, Ressourcenallokation und –sicherung, Präsentation, Medienkompetenz, EDV-Kompetenz

Sozialompetenz

  • •Kommunikationskompetenz
  • kooperative Handlungskompetenz
  • •Koordinationskompetenz
  • •Kritik- und Konfliktfähigkeit
  • •Fähigkeit zur multidisziplinären Zusammenarbeit
  • •Stichworte: Initiierung und Moderierung multidisziplinärer und interinstitutioneller Zusammenarbeit, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit, Einfühlungs- Wahrnehmungs- und Differenzierungsvermögen, stringentes Verhalten und Konsequenz, Verhandlungsführung, Systemsteuerung, Rollenperformanz

Selbstkompetenz

  • •Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein
  • •Reflexionskompetenz
  • •Stichworte: Kontaktfähigkeit, Offenheit, Authentizität, Belastbarkeit, Initiative, Selbstreflexion, Urteilsbildung und Selbstorganisation

Und in allem seinem Tun bleibt er der Menschlichkeit verhaftet: “Im Humanismus steht das menschliche Individuum im Zentrum, eine Haltung, die auch in der Pflege anderer Menschen die Qualität von Handlungen und Interaktionen bestimmt (Bauer, Jehl, 2000). Jeder Mensch ist grundsätzlich bestrebt, sich zu entfalten und zu entwicklen. Der Humanismus in der Pflege erkennt den Patienten als Person mit speziellen individuellen Bedürfnissen an, der über Mitsprache- und Entscheidungsfähigkeit verfügt.”

Und schauen wir uns noch an, welche Tätigkeiten er wahrnimmt, so hat man auch eine Idee über die funktionalen Anforderungen an ein Case Management System:

  • Aufnahme aller Patienten und ausführliche Pflegeanamnese (auf Grundlage eines Leitfaden zum pflegerischen Aufnahmegespräch)
  • Erste Gespräche mit den Angehörigen, um einen eventuellen institutsübergreifenden Hilfebedarf zu ermitteln
  • Sofortige Kontaktaufnahme mit dem Sozialdienst, falls es sich um ältere hilfsbedürftige Patienten handelt
  • Einleitung des vorgegebenen Behandlungspfades nach ärztlicher Anamnese und Rücksprache
  • Koordinierung von geplanten Untersuchungen, ggf. Kontaktaufnahme mit Psychologen, Physiotherapeuten, Ernährungsberatung und Seelsorger
  • Vorstellung des Patienten an die Bereichspflegekraft zur Gewährleistung einer qualifizierten Übergabe
  • Enger  Kontakt mit dem Stationsarzt und der Bereichspflegekraft sowie Prüfung, ob alle erforderlichen Massnahmen und der vorgegebene Behandlungspfad umgesetzt / eingehalten werden
  • Kontaktaufnahme mit der Bereichspflegenden bei nachfolgender Überleitung der Patienten in die ambulante oder stationäre Pflege mit Hilfe eines Überleitungsbogens
  • Verlegung und Entlassung der Patienten nach Rücksprache mit dem Arzt
  • Erfassung der pflegerelevanten Diagnosen/Prozeduren und Zusatzentgelte, Prüfung der Dokumentation auf Vollständigkeit, Weiterleitung medizinischer Daten an die Ärzte
  • Überprüfung und Überwachung der Einhaltung von Standards, Richtlinien und Handlungsanweisungen gemeinsam mit der Stationsleitung oder Hilfestellung bei der Überarbeitung

Es geht also viel um vernetztes Arbeiten (social BPM?), Wissensarbeit auf Basis eigenem, implizitem Wissen (= Erfahrung) und explizitem, das in Content Repositories (ECM/WCM) zur Verfügung gestellt werden kann, sowie Planungen von Aufgaben, wie man sie von Projekten her kennt, die in unterschiedlichem Umsystemen stattfinden.

Hinzu komme noch das lebenslange Lernen,wo mir dann auch noch die Aspekte seiner Ausbildung einfallen. Hier scheint der Schwerpunkt in der Erfahrung während des Arbeitens zu liegen (siehe auch Ausbildung neu-denken).

Mein Bauch sagt mir, dass sowohl der Case Manager als auch das System, das ihn vollumfänglich und virtuos unterstützt etwas mit einer Eierlegendenwollmichsau (siehe auch das schweizer Messer) gleich hat. Womit ich meinen Respekt ausdrücken möchte!

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general | Tags: , , , ,

2 Comments »

  • [...] Letztere nenne ich mittlerweile ad-hoc-Prozesse oder situative Prozesse, da weniger die Häufigkeit als vielmehr die Determiniertheit der Prozesse eine Rolle spielt. Ein Prozess ist determiniert, wenn die Abfolge und Art der Aufgabenerledigung im vor hinein festgelegt ist. Das Gegenteil von determiniert ist agil. Hier entscheiden sogenannte Knowledge worker flexibel und situativ, welche Aufgaben sie wie und in welcher Reihenfolge bearbeiten. Ähnlich wie bei Projekten, die ja per Definition einmalige Prozesse sind, sind ad-hoc-Prozesse Unikate, die sich nicht vorher exakt planen lassen und in der abgelaufenen Form auch nicht  1:1 wiederholt werden. Beispiele für ad-hoc Prozesse finden sich bei Anwälten, die ihre Fälle dynamisch angehen oder bei Tüftlern, die ihre Produkte situativ entwickeln. Über Case Management hat Dr. Martin Bartonitz eine Reihe interessanter Blogbeiträge verfaßt, unter anderem über die Entstehungsgeschichte des Case Managers (siehe „Case Management ein alter Hut? Neben Kostensenkung hat es auch viel mit Humanismus zu tun&#82…). [...]

    Pingback | 28 February 2011
  • Hallo Herr Bartonitz, Ihre Blogbeiträge zum Thema ACM gefallen mir sehr gut. Die Mischung von Erklären, Vertiefen und Einordnen stimmt. Und vor allem finde ich gut, dass Sie genau schauen, was ein alter Hut ist und was wirklich neu an den Konzepten ist. Ich habe mir erlaubt Sie in meinem Blog http://prozessfenster-blog.de/2011/02/28/prozesstyp/ einzubinden.

    Comment | 28 February 2011

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