Apr
07
2011

Case Management (Fallsteuerung) am Beispiel der Berufsbetreuer

Ich hatte vor einiger Zeit darüber berichtet, dass eine Reihe von internationalen Mitberwerbern aus dem Bereich Enterprise Content Management (ECM) und Business Process Management (BPM) inzwischen Produkte mit der Bezeichnung Case Management auf dem Markt haben. In enem weiteren Artikel bin ich darauf eingegangen, welche Funktionen SAPERION für die Umsetzung eines Systems zur Unterstützung von Aufgaben eines Case Managers zur Verfügung stellt. Ein weiteren Artikel widmete ich dem Berufsbild des Case Managers. Heute möchte ich etwas konkreter werden und die Arbeite des Case Managers anhand eines Berufsbetreuers vorstellen.

<<<< Anfang – über den Berufsbetreuer, Quelle BdB >>>>

Berufsbetreuer übernehmen in unserer Gesellschaft eine verantwortungsvolle Aufgabe: Sie unterstützen und beraten volljährige Menschen, die im Leben nicht ohne fremde Hilfe zurecht  kommen. Diese Menschen sind psychisch krank, körperlich oder geistig behindert und in ihrer Entscheidungs- oder Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Sie können nicht selbst für ihre Angelegenheiten sorgen. Deshalb wird ihnen vom Gericht ein Betreuer zur Seite gestellt. Dieser unterstützt die betroffenen Menschen rechtlich oder handelt stellvertretend für sie, zum Beispiel durch Regelung der Finanzen, Vertretung gegenüber Behörden, Organisation von pflegerischen Diensten oder Einwilligung in ärztliche Behandlungen.

Das Betreuungsrecht ist 1992 in Kraft getreten und löste das umstrittene Vormundschaftsrecht ab. Seitdem gibt es keine Entmündigungen mehr. Nach dem neuen Betreuungsrecht bleiben die Betroffenen geschäftsfähig, wahlberechtigt, ehe- und testierfähig. Eine Betreuung wird nur für einen bestimmten Zeitraum und für bestimmte Aufgabenkreise eingerichtet.

Wunsch und Wille der betreuten Menschen sind für Betreuer/innen handlungsweisend, es sei denn, sie laufen dem Wohl der Betroffenen zuwider. Betreuung sorgt für eine „Be“rechtung der betroffenen Menschen. Rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit auf Betreuung angewiesen – ihnen stehen rund 12.000 Berufsbetreuer/innen, Betreuungsvereine sowie eine Vielzahl ehrenamtlicher Betreuer/innen zur Verfügung.

<<<< Ende-  über den Berufsbetreuer, Quelle BdB >>>>

Ganz allgemein setzt sich der Case Managerzum Besten seines Clienten ein, der sich im Dschungel der Gesetze, Regularien, Sozialträgern, Behörden und Versicherungen nicht auskennt. Der Case Manager ist ein Wissensarbeiter und vermittelt zwischen allen Parteien, so dass sein Client gut versorgt ist. Ein Case Manager ist zum Beispiel bei den Argenturen für Arbeit besonders gefordert um Langzeitarbeitslosen zum Wiedereinstig in die Arbeitswelt zu helfen. Zu finden ist er auch im Falle der Betreuung von Patienten, die über einen längeren Weg genesen müssen.

Die Arbeit mit dem Clienten (eigentlich ein furchtbar bürokratische, wenig menschelndes Wort) erfolgt in mehreren Phasen, , um in Zusammenarbeit mit einem Klienten und seinem Umfeld, seinen Versorgungsbedarf zu ermitteln, seine Unterstützung zu planen, den Prozess der Unterstützung zu koordinieren, zu überwachen und zu evaluieren. Dabei werden Ressourcen des Selbstmanagements und der Selbstverantwortung des Klienten berücksichtigt und nur in dem Maße betreuerisches Handeln angeboten, in dem ein Besorgungsbedarf besteht. Die Verfahren der Zusammenarbeit (Fallsteuerung) erfolgen nach folgendem Schema:

  • Fallaufnahme -> Intake
  • Ermittlung des Versorgungs- und Besorgungsbedarfs  ->  Assessment
  • Zielvereinbarung und Hilfeplanung – > Planing
  • Zugang zur Versorgung, Einkauf und Koordination von Versorgung -> Linking
  • Leistungssteuerung, Kontrolle und Optimierung -> Monitoring
  • Auswertung und Berichterstattung ->Evaluation

Ein wesentliches Element der Fallsteuerung ist die aktive Einbeziehung des Klienten in die Planung, Zielvereinbarung und Umsetzung der notwendigen Maßnahmen (Quelle, inkl. Bild).

Verfahrensschritte des Betreuungsmanagements

Verfahrensschritte des Betreuungsmanagements

Assessment
Das Assessment ist ein Instrument zur Ermittlung des Versorgungs- und Besorgungsbedarfs. Die Ermittlung erfolgt durch Gespräche mit den Klienten, dem sozialen Umfeld und Fachleuten. Die Ergebnisse werden in einem Assessmentformular festgehalten. Im ersten Schritt werden die Ressourcen und Probleme in der Ausstattung der Klienten und ihres Umfeldes erfasst, z.B. ihre gesundheitliche, finanzielle und soziale Situation. Aus den Defiziten der Ausstattung ergibt sich der Bedarf an sozialer, gesundheitlicher oder finanzieller Versorgung. Das ist der der Versorgungsbedarf. Im zweiten Schritt werden die Ressourcen und Probleme des Selbstmanagements der Klienten ermittelt, z.B. ihre Möglichkeiten sich auszutauschen und gegenüber Dritten durchzusetzen. Aus den Problemen im Selbstmanagement ergibt sich der Bedarf an weiterer Beratung, Vertretung und weiterem Handeln. Das ist der Besorgungsbedarf.

Hilfeplanung
Die Planung knüpft an das Assessment an: Wenn die Vesorgungsbedarfe von Klienten ermittelt sind, werden mit den Klienten und/oder ihrem Umfeld im ersten Schritt Ziele vereinbart. Wenn die Ziele dokumentiert sind, werden im zweiten Schritt Maßnahmen geplant, die den Versorgungsbedarf der Klienten decken sollen. Die Abstimmung von Zielen und Maßnahmen kann mit den Klienten und ihrem Umfeld auch in Form einer schriftlichen Vereinbarung erfolgen. Diese Vereinbarung nennt man Kontrakt

Monitoring
Monitoring ist Beobachtung und Steuerung zugleich. Es wird der Prozess der Versorgung der Klienten überwacht und bei Problemen steuernd eingegriffen. Die Beobachtung und Steuerung eines Versorgungsprozesses erfolgt über Gespräche mit den Klienten und schriftlichen und mündlichen Informationsaustausch mit den Diensten und Personen des Versorgungsprozesses. Probleme im Versorgungsprozess können dazu führen, dass die Bedarfe der Klienten in einem Reassessment neu ermittelt werden müssen, dass Ziele korrigiert oder Maßnahmen neu zugeschnitten werden müssen.

Evaluation
Evaluation bedeutet Auswertung und Einschätzung des Erreichten. Es wird geprüft, ob und in wie weit Zustände erreicht wurden, die im Versorgungsprozess mit den Klienten über Zielvereinbarungen verabredet und angestrebt wurden. Die Auswertung und Einschätzung des Versorgungsprozesses erfolgt an und mit den Klienten und/oder deren Umfeld anhand von Leitfragen. Nach der Auswertung und Einschätzung des Versorgungsprozesses kann ein Gespräch mit den Klienten über deren Zufriedenheit mit der Besorgung angeschlossen werden. Die Auswertung der Prozesse und die Rechenschaftslegung erfolgt gegenüber den Klienten und nicht gegenüber Gerichten oder Behörden. Gegenüber den Gerichten wird Bericht erstattet.

Die Fallsteuerung läuft demnach sehr individuell in vielen kleinen Einzelschritten ab. Unterwegs werden eine Reihe von Dokumenten erstellt und ausgetauscht. Es wird demnach eine Fallakte benötigt, in der z.B. die Stammdaten, die Ergebnisse des Assessment, die Zielvereinbarungen, die Korrespondenz mit den Gerichten, Behörden und Versicherungen , sowie die Abschlussbewertungen gesammelt werden. Eine solche Akte ist zudem aus Datenschutzrechtlichen Gründen sicher zu führen.

Aus Sicht eines Enterprise Content Management Systems wie SAPERION ist ein Case Management System, das den Case Manager in allen diesen Arbeiten unterstützt, ein spezielles Aktenscenario mit eigenen Metadaten, Dokumentenvorlagen und Aufgabenlisten, die auf den typischen ECM-/BPM-Basisfunktionen aufbauen. Ähnlich einer Peronalakte, einem Vertragsmanagement, einer Bauakte oder einer Kundenakte. Für das Zusammentragen des Wissens über die Gesetze und Regulierungen eignet sich sehr gut ein Wiki.

Insofern darf es also nicht verwundern, dass wie eingangs beschrieben, unsere internationalen Mitbwerber sich des Themas Case Management angenommen haben. In Deutschland ist der Begriff nach wie vor  selten gehört. Hier geht es weiterhin primär um Vorgangs- und Aktenbearbeitung.

Und noch eine sehr persönliche Sicht:

Bei der Recherche zu diesem Artikel wird einem sehr schnell klar, dass wir Case Manager gerade im Bereich Patienten und Jobsuchende gut brauchen können, da der Dschungel der Gesetze und Regulierungen so groß geworden ist, dass kaum noch Jemand durchblickt, was ihm denn eigentlich zusteht. Und da fiel mir mein alter Post ein, der ich immer stärker umtreibt, je länger ich mich mit dem Thema Compliance beschäftige:

Überregulierung: An die Stelle einer sozialmoralischen Selbststeuerung tritt die soziale Fremdsteuerung durch Vermehrung von Vorschriften und Gesetzen

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,process management | Tags: , , ,

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