Sep
25
2010

Compliance im Zeitalter des Zitronenhandels

Gesund, aber im Handel mit Nebenwirkungen

Gesund, aber im Handel mit Nebenwirkungen

Dieses Mal möchte ich einen Blick auf den ethischen Teil der Compliance werfen. Auf den Teil, wo es um das faire Miteinander am Markt geht. Auf die Idee hierzu bin ich gestern auf dem Signaturtag des des VOI und der TeleTrust gekommen. Hr. Fiedler hatte in seinem Vortrag zu Standards rund um das Thema Signieren festgestellt, dass er sich keinen Reim machen konnte, warum sich so viele Standards ausbildeten. Ich hatte zufällig in der Nacht zuvor in meiner Einschlaflektüre, dem Buch Abschied vom HOMO OECONIMCUS – Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen von Prof. Gunther Dueck, das Kapitel über den Handel mit Zitronen gelesen. Und da fällt der Zusammenhang zwischen “Warum brauchen wir Standards?” und “Warum wird es in hart umkämpften Märkten schwierig, nicht compliant (hier: nicht betrügerisch) zu bleiben?” leicht zu erklären.

Herr Dueck sieht uns in einer aktuellen Phase der Marktsättigung nach dem Ende der letzten Großinnovation, der Erfindung des Computers. Die vorherigen Großinnovationen waren das Auto, die Elektrizität, die Eisenbahn und davor die Dampfmaschine (siehe auch Kondratieff Zyklus). Es gab jeweils eine lange Phase der Prosperität während des Ausrollens dieser Technologien. Arbeit gab es genug und der Absatz von Produkten war auch einfach. Kritisch wird es immer dann, wenn die Marktsättigung eintritt. Die Produkte werden nicht mehr in der Menge abgenommen, d.h. der Markt wird eng und damit hart umkämpft. Es wird nun an den Produktionsprozessen rausgeholt, was rauszuholen ist. Alles muss effizienter und effektiver werden. Siehe den BPM-Hype der letzten Jahre. Die Qualität der Produkte darf auch schon mal geringer ausfallen, um auch hier zu sparen und die Produkte günstiger anbieten zu können.

Und hier kommt nun der Aspekt des Handels mit Zitronen ins Spiel: Wie kann der Kunde sicher sein, keine Zitrone zu kaufen, also ein Produkt, das nicht hält, was es verspricht. Auf der anderen Seite: wie können Firmen das Vertrauen des Kunden gewinnen, dass sie keine Zitronen anbieten. Empfohlen wird nun, entsprechende Signale zu setzen. Ein solches Signal kann die Zertifizierung bzgl. eines Standards sein. Und da sind wir bei den vielen Posts, die ich rund um die ethischen Siegel wie z.B. zu “sauberer” Kleidung und  nachhaltigem Forstbetrieb geschrieben habe. Große Firmen kostet eine solche Zertifizierung relativ zum Umsatz wenig und puschen daher die Standards. Die Kleinen haben eher Probleme, können die Kosten dafür nicht aufbringen und damit nicht mitziehen und verlieren diesen Wirschafts”krieg” womöglich.

Übrigens ist das Entscheiden auf Basis von Signalen laut der zweiten,  bisher in Vergessenheit geratenen Theorie von Darwin tief in uns Verwurzelt. Wer da mehr zu wissen will, mag meinen Post Der verloren gegangene Schatz Darwins: die sexuelle Selektion … lesen.

Einen Teil der Frage, warum es mit unserer Ehrlichkeit während der Phase des engen Markts so schlecht bestellt ist, habe ich damit schon beantwortet. Wir reduzieren die Qualität des Produkts, um Kosten zu sparen und versprechen aber immer noch ein tolles Produkt. Nun gibt es aber im Verkaufsprozess noch weit problematischere Aktivitäten, nämlich die Korruption und Bestechung. Hier hört man von den entdeckten Betrügern allenthalben: “Was soll ich machen? Die anderen tun es doch auch.” oder “In dem Land ist das so üblich.”.

Prof. Dueck erklärt dieses Verhalten mit dem schon seit den 70igern bekannten, so genannten Gefangenendilemma (in Wikipedia gut erklärt). Sein Fazit ist, dass gerade in engen Märkten kaum noch Vertrauen für die richtige Entscheidung, nämlich nicht zu betrügen gegeben ist, und daher der Trend zum weniger ethisch korrekten Verhalten tendiert. Und das könnte auch gut erklären, warum in den letzten Jahren das Thema Compliance immer mehr in den Medien bewegt und damit zusehends in unser Bewusstsein gelangt.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general | Tags: , , ,

1 Comment »

  • Gast668

    Produkte die nicht halten was sie versprechen “Zitronen” ?? ? Was für ein blöder Ausdruck. Sagen wir doch besser Fehlprodukte, Täuschprodukte, Minimalinvestitionsprodukte, Kapitalmaximierungsprodukte, Ausbeuterprodukte, o.ä.

    Comment | 30 August 2012

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