Apr
12
2010

Compliance: Ob Familie, Verein, Unternehmen oder Kirche – Vertuschung die Regel?

Immanuel Kant

Immanuel Kant versuchte die Ethik zu formalisieren

Im Zuge meiner Recherchen zum Thema Compliance habe ich einen roten Faden entdeckt, der sich quer durch unsere Gesellschaft zieht:

Ein scheinbar funktionierendes System, sei es die Familie, der Verein, das Unternehmen bis hin zur Kirche versucht Schaden von sich abzuhalten, egal ob durch Gar-nicht-erst-hinschauen oder durch Vertuschung. Mit der Nase drauf gestoßen wurde ich gestern durch die gefundene Studie zur Wirtschaftskriminalität speziell in Deutschland, veröffentlicht 2007 von Price Waterhouse Coopers und der Martin-Luther-University. In der Management Summary wurde getitelt: “Topmanager werden seltener bestraft” und zusammengefasst:

“Etwa jede dritte entdeckte Straftat wird von deutschen Unternehmen nicht angezeigt, sondern intern geregelt. Bei Korruption schalten Unternehmen sogar nur in jedem zweiten Fall die Staatsanwaltschaft ein. Dabei ist die Sorge um den Ruf des Unternehmens wohl ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung, zumal nur die Hälfte der angezeigten Täter tatsächlich verurteilt wird.”

Die “Sorge um den Ruf” liest sich stereotyp. So konnte man vom Papst in den Nachrichten bei wissen.de lesen: “Benedikt macht vor allem eine unzureichende Ausbildung der Priester und eine “fehlgeleitete Sorge” um den Ruf der Kirche für die Vertuschungen verantwortlich.” Genauso hört sich das in der aktuellen Stunde des Bundestages zum Vergehen von Trainern im Verein oder Lehrern in der Schule an: “Durch dieses Schweigen und Wegsehen wurde großes menschliches Leid verursacht. Aus falsch verstandener Sorge um den Ruf der Schule, des Vereins, der Kirche, aber auch aus Angst vor Skandalen hat man die Opfer allein gelassen.” Und das geht hinunter bis in das kleine System Familie, wie das über die Arbeiten des Stuttgarter Vereins M.E.L.I.N.A zu lesen ist: “Inzest und inzestuöser sexueller Kindesmissbrauch sind die bestgehüteten Familiengeheimnisse – und Verbrechen mit der höchsten Dunkelziffer. … Wer es wage, über die Vorkommnisse zu reden, verliere die Familie und werde als Verräter behandelt. Das sei vor allem dann zu beobachten, wenn der Täter das Familienoberhaupt ist.”

Um so wichtiger scheint mir, dass wir weiter das Unrechtsbewusstsein schärfen müssen. Hier lässt uns die eingangs erwähnte Studie Hoffnung schöpfen: “… So wurden weltweit nur 38 % der Unternehmen mit Ethik-Regeln und Compliance-Programmen Opfer von Wirtschaftskriminalität, in der Vergleichsgruppe erreichte der Anteil 54 %.” Nicht um gleich auch noch darauf hinzuweisen, dass es im Wesentlichen an unserer individuellen Programmierung liegt, Recht nicht zu beugen: “… den deutschen Unternehmen ist bewusst, dass Kontrollen allein zu kurz greifen. Nur 31 % der Befragten führen Kriminalität primär auf mangelnde interne Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen zurück, während 63 % ein fehlendes Unrechtsbewusstsein der Täter zumindest mit verantwortlich machen.”

Demnach müssen unsere Unternehmen nicht nur an der Einführung von Compliance Programmern sondern auch ein großes Interesse an gut ausgestalteten Schulfächern wie Religion und Ethik haben.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: ,

2 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich hatte heute morgen ein interessantes Gespräch zum Thema Bestechungsgelder. Bis vor 10 Jahren war es in Deutschland möglich, Schutzgelder von der Steuer legal abzusetzen. So gab es (gibt es?) z.B. in Russland die Notwendigkeit, ein “Dach” für den Schutz zu bezahlen, ohne Stress Geschäfte machen zu können. Eine interessante Gradwanderung: im Zielland verhält man sich markt, sprich quasi-regel-konform, im Heimatland heute inzwischen kriminell.

    Comment | 13 April 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Und es gibt doch Hoffnung, dass wir Alle gute Menschen werden. Ich hatte mich erinnert, dass Richard David Precht in seinem Buch “Wer bin ich und wenn ja wie viele” über eine Untersuchung berichtete, die zeigte, dass wir auch ethisch vorprogrammiert sein müssen. Wir würden in der Regel keinen Menschen töten, um damit andere zu retten. Übrigens auch Thema des gestrigen Films in 3 Sat “Die Entscheidung“, wo es um den illegalen Organhandel ging. Ein ähnliche Diskussion, die uns auch seit dem 11. September beschäftigt: Dürfen wir ein Flugzeug abschießen, dass gekapert wurde?
    Herr Precht sieht ein wesentliches Argument für den Sinn einer ethischen Programmierung: wenn die Menschen in der Sippe gut miteinander sind, stärkt dieses Verhalten die Gruppe zum Überleben gegen andere Gruppen. Hm, sieht allerdings auch so aus, dass auch unser Gefühl der Abweisung Fremder ein Schutzmechanismus zu sein scheint. Also Toleranz reißt eher die Schutzmauer ein und unsere Gruppe wird verletzlicher, weil der Zusammenhalt geschwächt wird?
    Ich habe gerade noch einen sehr interessante Artikel zu dem Thema Vorprogrammierung gefunden. Erstaunlich ist sein Alter: veröffentlicht vom Spiegel 1973, inzwischen aber auch Online, getitelt mit “Das Angeborene ist unsere Hoffnung” zum Anlass der Verleihung des Nobelpreises für Medizin an die Verhaltensforscher Karl von Frisch, Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen.
    Hier heißt es: “Der vorprogrammierte Mensch ist sicher ein Problem, aber zugleich auch unsere Hoffnung, weil wir im Ererbten eine uns Menschen verbindende Bezugsbasis finden. Kulturell setzen wir uns voneinander ab, als wären wir verschiedene Arten, biologisch dagegen verkörpern wir eine Einheit. Wir teilen gewisse universelle Verhaltensweisen ebenso wie bestimmte ethische Normen. Wir stimmen in wesentlichen Punkten unserer Motivstruktur überein und handeln nach ähnlichen “Vorurteilen”.
    Nur deshalb können wir uns über die kulturellen Barrieren hinweg verständigen und verstehen und eine universelle Zusammengehörigkeit empfinden. Und wir schöpfen Sicherheit aus dem Fundus des Angeborenen, das unserem Verhalten verbindliche Leitlinien bietet.”
    Wenn wir demnach bei Geburt nicht ein weißes Blatt wie in der Milieu-Theorie von Skinner angenommen sind, dann bringen wir wichtiges Gut-Sein mit, weil uns dies Vorteile im Überleben gibt. Wenn wir diese Vorprogrammierung bewahren können, und hier ist das Milieu als gesellschaftliche Aufgabe wieder zu beachten (Hartz IV lässt grüßen?), dann sollte es doch nicht mehr weit zu “Ou Topos” sein, der Gesellschaft, die es geben müsste, wie dies Rainer Geißler in seinem Buch bespricht.
    Und dann sollte das Compliance Management keine so große Aufgabe mehr sein. Vielleicht wird sie dann gar nicht mehr benötigt?

    Comment | 14 April 2010

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