Apr
03
2010

Compliance: Warum man sich um die Einhaltung von Regeln kümmern sollte und nicht wegschauen

SAPERION ComplianceGerade die letzten Wochen haben uns vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich nicht darauf zu verlassen, dass Regeln, egal ob durch  das Gesetz oder selbst auferlegt, von Allen eingehalten werden. Selbst eine Institution wie die Katholische Kirche, der Hort von Moral und Anstand (nehmen wir mal das Zeitalter der Kreuzfahrer, Inquisition und Hexenverfolgung aus), hat jahrelang zugelassen, dass Kinder in ihrer Obhut grausam behandelt wurden. Da wird es auch nicht besser, wenn gestern im Fernsehen über ähnliche Verhältnisse in Jugendeinrichtungen der DDR berichtet wurde. Auch in unseren Betrieben steht es nicht zum Besten. Erst die Siemens Schmiergelder und nun noch Daimler . Auch hier wurde in den Nachrichten klar, dass diese Aktionen dem Geschäft nicht zuträglich waren. Ganz im Gegenteil, nach Zahlung der Strafen wird man drauf gezahlt haben. Das Image ist erst einmal dahin, und die persönliche Haftung kommt noch hinzu (bei Daimler waren 45 Beschäftige involviert und müssen gehen). Die Finanzdienstleister hatten als eine der ersten Branchen reagiert und inzwischen einen Compliance Manager, der direkt an den Vorstand berichtet, eingerichtet (siehe Compliance Magazin: Was ist Compliance?).

Compliance ist nichts anderes, als durch Einhalten von Spielregeln das notwendige Vertrauen in Partnerschaften und damit Verlässlichkeit zu bringen, seien es die UN-Konventionen für die Weltgemeinschaft, die Grundgesetze der Staatsgemeinschaften, das Qualitätsmanagement Handbuch eines Unternehmens oder die Vereinssatzungen von Sportvereinen. Jeder kennt auch dieses:”Ich verspreche, dich nicht zu verlassen, weder in guten noch in bösen Tagen, weder in Reichtum noch in Armut, weder in Gesundheit noch in Krankheit, und dir die Treue zu halten, bis der Tod uns scheidet”, auch wenn diese Regel uns immer schwerer fällt durchzustehen. Nehmen wir die Steuergesetze. Sie sind ein wichtiges Regelwerk zur Aufrechterhaltung gemeinsamer Anstrengungen für unsere Gemeinschaft, wo es kein Kavaliersdelikt sein kann, wenn Gelder nicht in sie eingebracht werden, um zum Beispiel die Ausbildung unserer Jugend sicherzustellen. Jede Handlung gegen die Regeln schadet der Organisation. Ein Wegschauen hilft nicht sondern schadet nur, bis hin zur persönlichen Haftung des Unternehmers.

Der 2009 in Kraft getretene Deutsche Corporate Governance Kodex hat den Compliance-Gedanken als Standard guter Unternehmensführung definiert: Die Geschäftsleitung hat für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und der unternehmerischen Leitlinien zu sorgen. Ein Geschäftsleitungsorgan, das sich daran nicht hält, verstößt gegen seine Sorgfaltspflichten (§ 43 Abs. 1 GmbHG bzw. § 93 Abs. 1 S. 1 AktG) und handelt womöglich sogar ordnungswidrig (§ 130 OWiG).

Die Einführung eines Compliance Management Systems ist vorrangig ein organisatorisches Unterfangen, das von der Geschäftsleitung verantwortet und getragen werden muss, d.h. es gehört zur Corporate Governance. Unter anderem schon, weil die geschäftliche Verantwortung in den meisten Fällen nicht delegiert werden kann. Die Geschäftsleitung kann sich durch einen Compliance Manager, bei großen Firmen durch ein Compliance Office unterstützen lassen. Nach der Formulierung des Mession Statements (Beispiel Bayer AG in 2000: “Wir achten die Gesetze und respektieren die allgemein anerkannten Gebräuche der Länder, in denen wir tätig sind.”), müssen die Mitarbeiter in die relevanten Regeln eingewiesen werden, je nach Branchen und Arbeitsbereichen innerhalb der Organisation unterschiedlich (nur ein kleiner Ausschnitt):

Corporate Governance - Aufstellung der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft GmbH

Corporate Governance - Aufstellung der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft GmbH

Wie diese bei Weitem unvollständige Liste zeigt, gibt es sehr unterschiedliche Anforderungen an die Überprüfung der Regeleinhaltung, so dass ein jeweils passendes Compliance Management individuell eingerichtet werden muss. Die Fülle an Regularien, in denen sich Unternehmen bewegen müssen, ist inzwischen so angewachsen, dass schon 2-jährige Master-Studiengänge angeboten werden.

Compliance Maturity Model - Gartner 2004

Compliance Maturity Model - Gartner 2004

Es gibt auch schon seit längerem (2004) von Gartner ein Compliance Maturity Model, an dem sich ablesen lässt, wie gut eine Firma den Umgang mit dem Compliance Mangement beherrscht. Für das Management der IT-Compliance ist das CobiT Framework weit verbreitet im Einsatz. CobiT wurde ursprünglich (1993) vom internationalen Verband der IT-Prüfer (Information Systems Audit and Control Association, ISACA) entwickelt, seit 2000 obliegt es dem IT Governance Institute, einer Schwesterorganisation der ISACA, CobiT zu entwickeln und fortzuschreiben. CobiT hat sich von einem Werkzeug für IT-Prüfer (Auditoren) zu einem Werkzeug für die Steuerung der IT aus Unternehmenssicht entwickelt und wird unter anderem auch als Modell zur Sicherstellung der Einhaltung gesetzlicher Anforderungen (Compliance) eingesetzt. Eine schöne Case Study für die Überprüfung einer Firma nach dem CobiT Framework hat , wenn auch schon etwas her, Andrea Pederiva von der ISACA 2003 veröffentlicht.

Ein Compliance Manager hat es nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) in 2009 nicht leicht. Es wurde  erstmals ein Compliance Officer verurteilt, weil er ihm bekannte Delikte nicht verhindert hat. Das Urteil sorgt für Verunsicherung unter den Aufpassern. Als Konsequenz aus dem Urteil sollten “Chief Compliance Officer in nächster Zeit darauf achten, ihre eigenen Zuständigkeiten, Aufgaben und Befugnisse klar im Arbeitsvertrag und in der Stellenbeschreibung zu definieren”, empfiehlt Christian Pelz, Fachanwalt für Strafrecht bei Nörr Stiefenhofer Lutz.

Die Maßnahmen rund um das Compliance Management dürfen aber auch nicht hinderlich sein, oder auch zu teuer. So schreibt trefflich Rechtsanwalt Dr. Peter Mailänder in seinem Fachartikel “Compliance in mittelständischen Unternehmen” in Business & Law Stuttgart 2009: “Das mit Compliance gesteckte Ziel, Rechtsverstöße, Bußgelder, Reputationsschädigungen und Umsatzrückgänge zu vermeiden sowie Haftungsrisiken zu minimieren, darf allerdings nicht zu einer Bürokratisierung und Hemmung des Geschäftsablaufs führen. Compliance-Systeme sind Mittel zum Zweck und unterliegen daher dem Wirtschaftlichkeitsprinzip und der Zweck-Mittel-Rationalität.”

Wo SAPERION mit seinen Lösungen bei der Einhaltung von Regeln mit seinen Lösungen unterstützen kann, wird auf dem speziell eingerichteten Compliance-Site beschrieben. Gestartet haben wir mit den Themen Eingangsrechnung und elektronische Akten. Gerade das Schriftgutmanagement kümmert sich um Aufbewahrungsfristen und um die Sicherstellung von Löschungen im Sinne des Datenschutzes (z.B. Bewerbungen, Abmahnungen), stellt aber genauso sicher, dass nur Berechtigte Einsicht in relevante Daten erhalten.

In Kürze kommen die Themen der E-Mail-Archivierung, die Vertragsverwaltung und die Sicherstellung von Freigaberegelungen durch Workflow-Management hinzu. Speziell beim Geschäftsprozessmanagement lassen sich unterschiedliche Methoden betrachten:

  • Compliance by Design
    Mit dem Fraunhofer Institut ISST prüfen wir aktuell Verfahren, wie während des Modellierens des Sollprozesses schon auf Compliance-Verletzungen hingewiesen werden kann
  • Compliance by Runtime
    Das ist nichts anderes, als dass das Prozessmodell sicherstellt, dass Regeln eingehalten werden, z.B. wenn mehrfache Freigabe wo notwendig auch durchgeführt werden
  • Compliance by History
    Da unsere Workflow Engine in der Lage ist, Aktionen zu protokollieren (so der Betriebsrat eingewilligt hat, u.a. durch Anonymisierung) können weitere Analysen auf Schwachstellen durchgeführt werden

Ein Sinnspruch zum Thema Wahrheit von Galileo Galilei

Wer die Wahrheit nicht kennt,
ist nur ein Dummkopf.
Wer sie aber kennt,
und sie eine Lüge nennt
ist ein Verbrecher.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: company,deutsch,language | Tags: , ,

7 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    SAPERION stellt übrigens kein CMS = Compliance Management System her, das dazu dient, Patienten regelmäßig mit den richtigen Medikamenten am Tag zu versorgen, siehe:
    http://www.pfalz.ihk24.de/produktmarken/recht_und_fair_play/recht/Compliance.jsp

    Comment | 3 April 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Negative Beispiele für Verletzungen der Compliance:
    Roche, Pharmakonzern, 2001 wegen illegaler Preisabsprachen im Vitamingeschäft von EU-Kommission zu 670 Millionen Franken Busse verurteilt.
    Morgan Stanley, Investmentbank, 2006 wegen Manipulation von Ratings zu 30 Mio $ Schadensersatz verurteilt.
    EMTV, Medienunternehmen, muss 2010 an Aktionär 16.584,60 € Schadensersatz aufgrund falscher Adhoc-Meldung zahlen.
    Daimler, Automobilhersteller, zahlt eine Strafe in Höhe von 185 Millionen Dollar im Vergleich mit dem amerikanische Justizministerium wegen Schmiergeldzahlungen.
    Die Korruptionsaffäre bei Siemens kommt Heinrich von Pierer teuer zu stehen: Der Staatsanwaltschaft liegt ein Bußgeldbescheid gegen den früheren Konzernlenker vor. Die Strafe könnte bis zu 500.000 Euro hoch sein. Siemens hat inzwischen ein Compliance System eingerichtet.
    Dem Volkswagen-Konzern ist bis 2005 laut Analyse der KPMG durch die Affäre um Lustreisen für Betriebsräte und Schmiergelder ein Schaden von etwa 5 Millionen Euro entstanden. Im Jahr 2008 wurde ein zentrales Compliance Office eingerichtet, das eine konzernweite Compliance Organisation aufbaut.
    Gegen Lidl, Discounter, wird ein Bußgeld in Höhe von 36.000,00 EUR wegen mehrfachen groben Datenschutzrechtsverstoßes verhängt (Der Westen, 19.08.2009). Noch höher lag das Bußgeld mit 137.500 EUR für Drogeriekette Müller durch baden-württembergische Datenschutzbehörde zu einem ähnlichen Vorgehen.
    Ende 2009 zahlte auch MAN 250 Millionen Euro Bußgeld wegen Schmiergeldzahlungen. Im Zuge der Ermittlungen bei MAN sind auch beim Ferrostaal-Konzern entsprechende Unregelmäßigkeiten aufgefallen. MAN bekämpft nun Korruption aktiv mit dem Compliance-Chef Olaf Schneider.
    Die Deutsche Bank zahlt 2002 165 Mio. Dollar Strafgebühr an US-Börsenaufsicht SEC, um einem Verfahren wegen nicht gespeicherter E-Mails zu entgehen. Die Deutsche Bank darf dennoch als Vorreiter in der Finanzwirtschaft gelten, hat sie schon 1992 mit einem Compliance Office begonnen und in 2009 weltweit 600 Personen im Kontext der Compliance arbeiten.
    Die Deutsche Bahn erhielt vom Berliner Datenschutzbeauftragten einen Bußgeldbescheid in Höhe von 1,12 Millionen Euro für eine tatverdachtslose Überprüfung von Mitarbeitern sowie deren Angehörigen. Die Bahn hat reagiert und kümmert sich um Compliance.
    Die Telekom ließ ihren eigenen Aufsichtsrat sowie kritische Journalisten bespitzeln – ein eklatanter Verstoß gegen den Datenschutz – und zahlt daher in 2008 für diese Spitzelaffäre das höchstmögliche Bußgeld von derzeit noch zu niedrigen 300.000 Euro.
    Schlecker, Discounter, reagiert Anfang 2010 auf Vorwürfe des Lohn-Dumping und beendet die Zusammenarbeit mit Meniar, bevor Untersuchungen gegen Vorschriften zur Leiharbeit durch das Bundesarbeitsministerium anberaumt werden.
    Der Tabakkonzern Philip Morris zahlt eine Strafe in Höhe von 2,75 Millionen US-Dollar, da er trotz richterlicher Aufforderung im Oktober 1999 alle Mails für eine Beweisführung aufzuheben, sämtliche Mails nach sechs Wochen gelöscht hatte.
    Sachsen musste 2009 über 8 Millionen Euro für die Skandalbank Sachsen-LB ausgleichen. Für 2010 werden weitere Zahlungen erwartet.
    Die Arbeitsgemeinschaft (ARGE) verbundenen U-Bahn-Baufirmen droht ein Verfahren, wegen mangelnder Qualitätskontrollen beim Bau der Kölner U-Bahn. Erst das Desaster beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit 2 Toten und einer halben Millarde Euro Schaden. Dann kam raus, dass 80% der Stahlstangen verscherbelt und nicht verbaut wurden.
    Europas größter Rüstungskonzern BAE zahlt nach “Unzulänglichkeiten” bei Rüstungsgeschäften 286 Millionen Pfund (327 Millionen Euro) in den USA und Großbritannien.
    Die SPD muss wegen Verstoßes gegen das Parteiengesetz bei der Wuppertaler Spendenaffäre 1999 eine Strafe von rund 767.000 Euro zahlen. Sehr diffus sieht es dann bei der “großen” CDU-Spendenaffäre aus, die ausführlich hier nachgelesen werden kann.
    Trienekens (Kölner Müllskandal) zahlt 2004 10 Millionen Euro Strafe wegen Schmiergelder und 2010 nochmals 1 Million wegen Untreue.
    Auch das Internationale Olympische Committee (IOC) hat seinen Korruptionsskandal um die Vergabe der Olympischen Winterspiele an Salt Lake City 2002

    Ich freue mich auf jedes weitere, bekannt gewordene Gerichtsurteile zu Compliance-Verstößen.

    Comment | 3 April 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich habe gerade eine höchst interessante Studie zur Wirtschaftskriminalität speziell in Deutschland, veröffentlicht 2007 von Price Waterhouse Coopers und der Martin-Luther-University gefunden, dessen Zusammenfassung ich hier ungekürzt wiedergeben möchte:
    ————
    Kriminalität trifft jedes zweite Unternehmen
    Knapp die Hälfte (49 %) der Unternehmen in Deutschland ist im Erhebungszeitraum durch Unterschlagung, Korruption, Produktpiraterie oder andere Formen der Wirtschafts-kriminalität geschädigt worden. Der Zuwachs um drei Prozentpunkte gegenüber dem vorangegangenen Zweijahreszeitraum ist aber nicht zwangsläufig auf einen Anstieg der Kriminalität zurückzuführen, sondern auch durch effektivere Kontrollen in den Unternehmen zu erklären. Die Zahl der von Wirtschaftskriminalität betroffenen Unternehmen bleibt auf einem hohen Niveau.
    Deutsche Unternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren deutlich häufiger Fälle von Produktpiraterie und Industriespionage aufgedeckt. Der Anteil der betroffenen Befragten stieg auf 18 %, im Vergleich zu 13 % im Zeitraum 2003/2004 und nur 8 % 2001/2002. Über Unterschlagung und Betrug berichteten 33 % der Unternehmen und damit ähnlich viele wie in den vorherigen Zeiträumen. Korruptionsschäden entdeckten 10 % der Befragten (2003/2004: 9 %, 2001/2002: 6 %).
    Insgesamt berichten größere Unternehmen deutlich häufiger über kriminelle Handlungen. Während von den Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern nur 44 % strafbare Vorfälle entdeckten, stieg dieser Anteil in der Gruppe der Unternehmen mit über 1.000 Mitarbeitern auf 54 % und bei Großunternehmen mit über 5.000 Mitarbeitern auf 61 %.
    Mindestens sechs Milliarden Euro Schaden
    Der Gesamtschaden, der deutschen Unternehmen allein durch die aufgedeckten Delikte entstand, beläuft sich hochgerechnet auf gut sechs Milliarden Euro pro Jahr. In dieser Summe sind Managementkosten zur Bewältigung der Kriminalitätsfolgen von rund 1,75 Milliarden Euro berücksichtigt, nicht jedoch Verluste von Privatpersonen. Ebenfalls nicht enthalten sind die finanziellen Auswirkungen der unentdeckten Straftaten, da sich diese nicht seriös schätzen lassen. Die errechnete Summe ist daher als Untergrenze zu verstehen.
    Der von den Unternehmen erlittene Schaden steigt in Abhängigkeit von der Unternehmensgröße. Bei 7 % der mittelständischen Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeitern verursachten Wirtschaftsdelikte in den vergangenen beiden Jahren einen Schaden von über einer Million Euro, während in der Größenklasse zwischen 1.000 und 5.000 Mitarbeitern bereits 16 % diese Schadenschwelle überschritten. Bei noch größeren Unternehmen erreichte die durchschnittliche Schadensumme 6,7 Millionen Euro.
    Im internationalen Vergleich sind deutsche Unternehmen seltener gegen Kriminalitätsschäden versichert. Nur gut ein Drittel (35 %) hat eine Vertrauensschaden- oder ähnliche Versicherung abgeschlossen, während in Nordamerika über 70 % der Unternehmen entsprechend abgesichert sind. Zwar ist eine Versicherung keine Garantie für eine finanzielle Entschädigung im Schadensfall, allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich. So wurde bei 34 % der deutschen Unternehmen mit Versicherung ein Großteil der Schadenssumme erstattet, aber nur bei 11 % der Unternehmen ohne Versicherung. Auf der anderen Seite gingen allerdings auch 49 % der versicherten Unternehmen bei der Regulierung finanzieller Schäden leer aus.
    Hohe Risiken in Emerging Markets
    Besonders hoch ist das Kriminalitätsrisiko in den so genannten Emerging Markets. In den E7-Staaten (China, Russland, Indien, Brasilien, Mexiko, Indonesien und Türkei) beliefen sich die gemeldeten Schäden je Unternehmen inklusive Managementkosten auf nahezu 4,4 Millionen Euro innerhalb von zwei Jahren, während in den übrigen Ländern die durchschnittliche Schadensumme bei 1,6 Millionen Euro lag.
    Bemerkenswert ist, dass deutsche Unternehmen das Kriminalitätsrisiko bei Entscheidungen über Auslandsinvestitionen im internationalen Vergleich deutlich seltener berücksichtigen. Bei geplanten Investitionen in China beispielsweise setzten sich in der Vergangenheit nur 31 % der deutschen Unternehmen mit dem Thema auseinander, während dies in anderen Ländern 48 % der Unternehmen taten.
    Gleichzeitig haben deutsche Unternehmen in China in den vergangenen zwei Jahren mit durchschnittlich 3,66 Millionen Euro deutlich höhere finanzielle Verluste durch Wirtschaftskriminalität erlitten als Investoren aus der übrigen Welt (1,33 Millionen Euro). An 60 % der Fälle von Industriespionage oder Produktpiraterie zu Lasten deutscher Unternehmen waren chinesische Täter beteiligt, und 40 % der Befragten glauben, dass sie in China bereits einmal aufgrund von Korruption einen Auftrag an Wettbewerber verloren haben.
    Defizite bei der Kontrolle
    Deutsche Unternehmen haben im internationalen Vergleich bei der Kriminalitätsbekämpfung erheblichen Nachholbedarf. So spielt die eher zufällige Entdeckung von Straftaten durch unternehmensinterne oder -externe Hinweisgeber eine deutlich größere Rolle, während systematische Kontrollen seltener zur Aufdeckung von Delikten führen als in ausländischen Unternehmen. Dennoch hält fast die Hälfte (47 %)der Befragten in Deutschland in den kommenden zwei Jahren keine größeren Veränderungen der Kontrollinfrastruktur für notwendig, in Westeuropa sind nur 35 % und in Nordamerika nur 20 % der Unternehmen dieser Ansicht.
    Auch in Wachstumsmärkten mit einem erhöhten Risiko agieren deutsche Unternehmen vergleichsweise sorglos. So haben nur 39 % der Befragten ihre Kontrollmaßnahmen in China in den vergangenen zwei Jahren intensiviert, aber 53 % der übrigen ausländischen Unternehmen. Gleichzeitig sehen 41 % der deutschen Unternehmen für die nächsten zwei Jahre keinen Handlungsbedarf, während nur 25 % der Unternehmen weltweit diese Auffassung teilen.
    Ethik-Richtlinien werden unterschätzt
    Noch deutlicher als bei der Kontrolle treten die Defizite deutscher Unternehmen bei der Kriminalitätsprävention zu Tage. Ethik-Richtlinien haben zwar mittlerweile 61 % der Befragten, aber nur 37 % verfügen über ein Compliance-Programm, das Verhaltensstandards formuliert, diese vermittelt und ihre Einhaltung überwacht. In Nordamerika hingegen sind ethische Richtlinien nicht nur bei 94 % der Unternehmen vorhanden, sie werden auch deutlich häufiger durch ein Compliance-Programm überwacht (73 %).
    Die Studie belegt zudem, dass ethische Standards entgegen verbreiteter Vorurteile tatsächlich wirken. So wurden weltweit nur 38 % der Unternehmen mit Ethik-Regeln und Compliance-Programmen Opfer von Wirtschaftskriminalität, in der Vergleichsgruppe erreichte der Anteil 54 %.
    Auch den deutschen Unternehmen ist bewusst, dass Kontrollen allein zu kurz greifen. Nur 31 % der Befragten führen Kriminalität primär auf mangelnde interne Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen zurück, während 63 % ein fehlendes Unrechtsbewusstsein der Täter zumindest mit verantwortlich machen.
    Jeder zweite Täter kommt aus dem Unternehmen
    Knapp jeder zweite Täter in Deutschland ist im geschädigten Unternehmen beschäftigt. Wenn externe Personen an der Straftat beteiligt sind, stehen sie in der Regel als Kunde, Lieferant oder Geschäftspartner in Kontakt mit dem betroffenen Unternehmen. Insgesamt werden Wirtschaftsdelikte folglich nur selten durch Unbekannte begangen. Wirtschaftskriminelle sind in Deutschland zumeist männlich (87 %), zwischen 30 und 50 Jahre alt (79 %) und seit mehr als sechs Jahren im Unternehmen beschäftigt (57 %). Knapp ein Drittel der Täter ist sogar schon länger als zehn Jahre angestellt gewesen. Etwa 20 % der Täter kommen aus dem gehobenen Management, weitere 25 % aus der mittleren Führungsebene.
    Die Beteiligung von Mitarbeitern der Führungsebene an Straftaten ist für die betroffenen Unternehmen nicht zuletzt wegen indirekter Schäden potenziell besonders gefährlich. So berichteten 54 % der nordamerikanischen Unternehmen über ernste Folgen für die Aktienkursentwicklung, nachdem die Beteiligung eines Senior- oder Topmanagers an einem Delikt bekannt geworden war.
    Topmanager werden seltener bestraft
    Etwa jede dritte entdeckte Straftat wird von deutschen Unternehmen nicht angezeigt, sondern intern geregelt. Bei Korruption schalten Unternehmen sogar nur in jedem zweiten Fall die Staatsanwaltschaft ein. Dabei ist die Sorge um den Ruf des Unternehmens wohl ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung, zumal nur die Hälfte der angezeigten Täter tatsächlich verurteilt wird.
    Auffällig ist, dass Täter aus dem Topmanagement in Westeuropa deutlich seltener mit einer Strafanzeige rechnen müssen (40 % der Deliktsfälle) als Beschäftigte unterhalb der Führungsebenen (61 %). In Deutschland ist eine derart unterschiedliche Behandlung zwar nicht zu beobachten, allerdings geben 23 % der deutschen Unternehmen an, dass sie gegen Täter aus der oberen Führungsebene in gut jedem fünften Fall sowohl auf Anzeige und Klage als auch auf interne Sanktionen wie Abmahnung, Kündigung oder Versetzung verzichtet haben. Kriminelle Handlungen des mittleren Managements und anderer Beschäftigter blieben demgegenüber nur in 5 % bzw. 3 % der Fälle für den Täter folgenlos. Vor Gericht können Führungskräfte allerdings keineswegs auf ein leichteres Strafmaß hoffen. Vielmehr wurden Freiheitsstrafen deutlich häufiger gegen Senior- und Topmanager verhängt (62 %) als gegen andere Beschäftigte (31 %).

    Comment | 11 April 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Noch steht Daimler nach einer Strafzahlung von 185 Mio. Euro an die Börsenaufsicht wegen aufgefallener Korrutionmsfälle unter der Kontrolle der SEC. Um sich hiervon lösen zu können, ist schon einmal Volker Barth zum Chief Compliance Officer ernannt worden. Im Januar soll es dann noch einen neuen Vorstand für das Complianc Thema geben, dem Barth zuarbeiten soll.
    Nachzulesen auf der Oline-Plattform Manager Magazin:
    Barth übernimmt Compliance-Team

    Comment | 19 December 2010
  • [...] geht seit dem Zusammenbruch von Enron und den vielen folgenden Firmenaffären (siehe auch Warum man sich um die Einhaltung von Regeln kümmern sollte und nicht wegschauen) des „neuen Marktes“ um und vermittelt ein ungutes Bauchgefühl. Prof. Günther Ortmann [...]

    Pingback | 11 January 2011
  • Dass Firmen, die global produzieren lassen, deutlich mehr dafür sorgen müssen, dass sie auf die Arbeitsbedingungen der Zulieferer auch in diesen Länder beachten sollten, hat inzwischen auch Apple erkannt. Hier war besonders ein Zulieferer in China mit einer hohen Selbstmordrate aufgefallen. Nun hat Apple über 100 seiner Zulieferer selbst überprüft, wie in der Computer-Woche Meldung Apple findet Kinderarbeit und giftige Chemikalie veröffentlicht wurde.

    Comment | 16 February 2011
  • Ich hatte auf der DMSExpo letzten Jahres Gespräche mit einigen Redakteuren geführt und einer, Florian Karlstetter, hat nun einen ansprechenden Artikel zu dem sperrigen Thema Modernes ECM vereint Compliance und rechtskonforme Archivierung aller relevanter Daten – Mit Compliance und revisionssicherer Archivierung zu besserem Content Management – geschrieben. Das schöne dabei: SAPERION wird mehrfach genannt :-)
    http://www.searchsoftware.de/datenmanagement/contentmanagement/articles/306096/?cmp=beleg-mail

    Comment | 24 March 2011

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