Oct
19
2011

Ein neuer Fall für die Web-Seitenarchivierung – Medieninhalte sind ans Staatsarchiv abzuliefern

Ich liege gerade in den letzten Zügen der Arbeiten an unserem neuen Whitepaper zum Thema der Archivierung von Web-Auftritten und bin auf den im Folgenden beschriebenen, eher skurilen Anwendungsfall gestoßen. Skuril sage ich nicht, weil es an der Sinnhaftigkeit mangelt. Es ist mal wieder ein typsicher Fall der deutsche Mentalität des Überregulierens, die hier wieder zugeschlagen hat. Denn hier drohen Strafen bis zu 10.000 €, wer die Reglen nicht einhält. Aber schauen wir mal hin:

Der Wunsch unserer Staatsarchivare

Auch im digitalen Zeitalter möchten die Archivare der Nationalbibliothek ihren ursprünglichen Auftrag zur Wahrung und Dokumentierung des Kulturerbes nachkommen. Da sich dieses aber mehr und mehr in das Internet verlagert, möchte man nun auch die dort dargestellten Gedanken der Deutschen archivieren und für zukünftige Generationen bewahren.

Es wird mir sicher jeder zustimmen, dass das an sich ein guter Gedanke ist. Der Knackpunkt in der Umsetzung ist nur, dass die Urheber selbst ihre Werke in der Nationalbibliothek abliefern müssen, statt dass man diese einfach selbst einsammelt. Wie es z.B. schon Google für die ganze Welt tut. Was zwingt aber nun zur Abgabe?

Pflichtablieferungsverordnung – PflAV

Am 23.10.2008 trat die neue Verordnung

über die Pflichtablieferung von Medienwerken an die Deutsche Nationalbibliothek (Pflichtablieferungsverordnung – PflAV) in Kraft, veröffentlicht in BGBl. I 2008, S. 2013. Vorab an Alle, die privat bloggen, wie z.B. ich selbst: keine Panik, wir sind nicht betroffen. Aber neben jenen Medien, die inzwischen neben ihrem Print auch Internetjournale anbieten, sind im Prinzip auch alle Arten von Firmen Web-Auftritten betroffen. Und dies, da die Verordnung in großen Teilen zu “schwammig” formuliert ist, siehe die Kritik des BITKOM. Daher musste nachgearbeitet werden, sprich es ist später noch eine Frage- und Antwortenliste veröffentlicht worden.

Konsequenz

Wer sich also an die Regel halten will, weil ihn die 10.000 € Strafe (große Firmen werden da wohl eher mit der Schulter zucken?) drücken, oder weil er gerne dazu beitragen möchte, dass die von ihm erzeugten Kulturgüter für spätere Generationen zur Verfügung stehen, der wird eine entsprechende Aufbereitung seiner “nicht-körperlichen” Güter in elektronischer Form vorsehen. Wer unsere Artikelserie zur Archivierung von Web-Auftritten verfolgt hat, dem muss ich nichts weiter ans Herz legen …

Meine persönliche Kritik

Ich habe ja schon so einiges Unsinnige kritisiert, aber dies ist mal wieder einer der besonderen Fälle. Was für ein Aufwand hier auf Seiten der Produzenten von Web-Inhalten erzeugt wird, mag ich mir in Summe erst gar nicht vorstellen wollen. Hier wäre es doch ein Einfaches gewesen, entweder direkt mit Google & Co. einen Deal zu machen, oder sich ein eigenes Google ins Haus zu stellen und alles aufzusaugen, was im Netz publiziert wird. Klar, das sind dann Kosten der Bibliothek, die wir Bürger durch unsere Steuern finanzieren. Aber diese Summe sollte doch wesentlich geringer sein, als die Kosten der vielen Ablieferer, die uns Bürgern dann vermehrt über die Produktkosten erreichen.

Zudem ist das Abholfahren auch lückenloser. Denn wen die 10.000 € nciht jucken und wer sich auch nicht um den Wunsch nachfolgender Generationen auf Geschichte kümmern mag, der liefert eben nicht. Und dann fehlt was.

Anwendungsfall Historisierung – Wissensbewahrung

Definitiv positiv kritisch bin ich in Bezug auf die Archivierung jeglichen Contents, die Firmen darin unterstützt, ihr Wissen zu bewahren. Viele unserer Kunden machen dies schon in Bezug auf die klassichen Dokumente in Formaten TIFF und PDF. So gut wie Keiner hat aber bisher bedacht, dass es inzwischen neben den externen als auch internen Web-Auftritten auch die Anwendungen des Web 2.0 wie Blogs, Wikis und zukünftig auch “Facebooks” gibt, deren Inhalte im Sinne einer Wissenbewahrung besser auch aufbewahrt werden sollten.

Siehe dazu auch meinen vorherigen Beitrag zum kulturellen Wandel durch die neuen Social Business Anwendungen.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,records management,web content archiving | Tags: , ,

3 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich bin gerade noch darauf aufmerksam geworden, dass die Nationalbibliothek noch auf Folgendes in ihrer Anleitung aufmerksam macht:

    Webseiten aller Art können derzeit noch nicht gesammelt und langzeitarchiviert werden. Die Deutsche Nationalbibliothek bittet deshalb, von einer Lieferung abzusehen. An anderen Verfahren (z. B. Harvesting) wird derzeit in einem Projekt gearbeitet.

    Also geht in Richtung Web-Auftritt-Archivierung hier noch nichts. Wir dürfen also gespannt sein, was am Ende dann bleibt und wann es kommt.

    Comment | 20 October 2011
  • Muss man das wirklich alles aufheben? Man stelle sich mal vor, was wir alles verwalten müssten, wenn es die Nationalbibliotheken mit ihrer Sammelleidenschaft seit Erfindung der Schrift gegeben hätte. Halb Deutschland würde aus Archivaren bestehen.

    Und gerade das Web 2.0 hat die Anzahl der Publizisten und somit der Publikationen deutlich erhöht. Nur was davon ist denn wirklich aufbewahrungswürdig? Gerade wenn ich an Facebook und Co. denke muss man doch ernsthaft hinterfragen, wen das dort Veröffentlichte wirklich historisch gesehen interessiert? Der Rauschanteil liegt doch da locker über 99,999%. Und auch technisch muss man die Sinnhaftigkeit hinterfragen, ob es wirklich sein muss, das die Nationalbibliotheken den ganzen Kram dann auch noch mehrfach redundant vorhalten. Kosten und Nutzen stehen hier in keinem annähernd sinnvollen Verhältnis.

    Gleiches gilt aus meiner Sicht für Firmenwebseiten. In erster Linie sind dies elektronische Versionen der klassischen Firmen- und Werbeflyer. Die hat doch auch keiner archiviert. Wozu also jetzt?

    Bei aller (auch persönlichen) Liebe zur Geschichte: Man kann es auch massiv übertreiben. Und wir haben ja sonst auch grad keine Probleme in Deutschland…

    Comment | 28 February 2012
  • Dr. Martin Bartonitz

    Hallo Uwe,
    da sprichst Du mir aus der Seele. Was so in manchen FB-Thread komuniziert wird, ist sicher schon nach Beendiung der Dikussion besser wieder zu Vergessen.
    Und eines wird durch Deine Kritik auch offensichtlich:
    Man mache sich am Anfang Gedanken darüber, was genau aufhebenwert und -relevant ist und schleppe nicht so viel Müll nachher mit sich.
    Wenn ich mir aber so manchen Blog anschaue, so werden dort doch Diskussionen geführt, die den Zeitgeist gut wiedergeben. Und das wieder könnte für die nächste Generation gut sein nachschlagbar zu haben. Denn um zu verstehen, warum etwas ist wie es ist, hilft es zu wissen, was vorher war. Denn eins baut auf dem anderen auf …
    LG Martin

    Comment | 28 February 2012

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