Sep
12
2011

Fazits von der BPMCon 2011 – Angst versus Liebe

Ich hatte letzten Freitag Gelegenheit, an der BPMCon 2011, veranstaltet in Berlin von der camunda, sowohl teilzunehmen als auch über unsere Erfahrungen mit der Interoperabilität der BPMN 2.0 zu berichten.

Es war eine rundum gelungene Veranstaltung und Hut ab für die “jungen” Ausrichter, die es zudem geschafft haben, über 100 Teilnehmer versammeln zu können. Dies war keine der sonst üblichen Kongressen, auf denen viel Wert auf Etikette gelegt wird. Einerseits sorgte das bodenständige Ambiente der Umspannwerks Kreuzberg, das SAPERION selbst schon für Events genutzt hat. Andererseits lag dies an der legeren Kleidung als auch der lockeren Ansprache mit Ihr und Du durch die Ausrichter.

Ein besonderes Highlight war der Keynote-Vortrag von Gerhard Wohland mit dem Titel Dynamikrobuste Prozessgestaltung – über die schwierige Koexistenz von Prozess und Dynamik. Herr Wohland ist Autor des sehr empfehlenswerten Buchs Denkwerkzeuge der Höchstleister: Wie dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen. In dem Vortrag ging es um die Unterscheidung von toten (blau) und lebendigen (rot) Prozessanteilen im Unternehmen. Blaue Anteile sind formal (strukturiert), langweilig und meist automatisierbar. Rote Anteile hingegen erfordern individuelle Reaktionen, Kreativität und damit den Menschen. Genauer gesagt Talente, also Menschen die “können” und nicht nur “wissen” (siehe auch die Denkzettel).

Die wichtige Botschaft hier ist, dass Prozesse sowohl blaue als auch rote Anteile besitzen, in unterschiedlicher Verteilung. Die Empfehlung bei der Dokumentation von Prozessen möglichst nur blau zu malen und das rote, was häufig auch als Ausnahmebehandlungen bezeichnet werden, nicht mehr exakt auszuformulieren sondern nur Leitplanken im Sinne von Prinzipien für die Bearbeitung zu hinterlegen. Es hätte schon genug Projekte gegeben, die nie fertig wurden, weil immer noch was gefehlt hatte. Aber das was fehlte, war nur selten eingetreten.

Damit bestätigte Herr Wohland schon das, Thomas Stellmach, Entwicklungsleiter bei SAPERION, und ich schon vor einiger Zeit als Best Practice für die Umsetzung von Prozessen zur Ausführung durch SAPERION Workflow vorgeschlagen haben. Entweder lasst die Ausnahmen “zufuß” machen, oder seht eine Aktivität im Sinne einer Clearing-Stelle vor, die sich dann kreativ um die Lösung kümmert wird. Diese Aktivität ist auch in unserer Accounts Payable Lösung für die Eingangsrechnungsverarbeitung zu finden (sieh z.B. Kommentar am Artikel Gartner wirbt mit alten Weisheiten für die diesjährige BPM Summit in London).

Fazit: Angst von Mitarbeitern

Ein weitere wichtige Erkenntnis war das Thema Angst in einem der Workshops, in dem es um die Frage “Wo geht es mit BPM hin” ging. Das Wort fiel gefühlte 20 Mal. Es wurde festgestellt, dass wenn Mitarbeiter Angst haben, dass dann die Akzeptanz eines Projektes nicht erreicht werden könne und damit das Projekt zum Scheitern verurteilt wäre. Ich hatte unabhängig davon das Thema Angst ebenfalls kurz auf meinem eingereichten Foliensatz zu meinen Vortrag enthalten und hatte so einen Anknüpfungspunkt. Ich habe mich in den letzten zwei Jahren stark mit dem Thema der Motivation befasst und bin darüber zu der Erkenntnis gekommen, dass unsere auf Konkurrenz aufgebaute Ökonomie, die sich gleichzeitig immer schneller dreht (-> Wachstum / Effizienzsteigerung), dazu führt, dass die Menschen zunehmend Angst verspüren, bald auch zu den vielen Verlierern zu gehören. Die meisten von uns noch unbewusst, aber viele hat es schon erwischt: Depression kostet Volkswirtschaft jährlich bis zu 22 Milliarden Euro. In enem Pausengespräch hatte mir Prof. Allweyer von einem Artikel berichtet, den er kürzlich gelesen hatte, in dem aufgeührt wurde, dass in Europa 40% der Menschen in ihrem Leben mindestens einmal wegen Depression oder Burn-Out behandelt werden würden. Das ist ein erschreckendes Bild einer Gesellschaft, die das Streben nach immer mehr Profit und Konsum an oberste Stelle stellt.

Mein Weltbild, das ich in meinem Vortrag kurz mitgeteilt habe, ist eine Umstellung auf Kooperation, um aus dieser Falle herauszukommen. Wir Menschen haben beide Eigenschaften in uns. Konkurrenz eher zum Verbreiten unserer persönlichen Gene, Kooperation zum Überleben als Gemeinschaft. Während Konkurrenz in Angst mündet, basiert Kooperation auf Liebe. Mein Vortragsabschluss lautete daher:

“Lasst uns BPM so handhaben, dass Angst nicht unsere Seele frist.”

Fazit Pecha Kucha

Noch ein letztes Fazit möchte ich ziehen, denn ein weiteres Highlight war ein Block von 8 Pech Kucha Vorträgen. Pechua Kucha ist Japanisch und bedeutet „wirres Geplauder, Stimmengewirr“. Es ist eine Vortragstechnik, bei der zu einem mündlichen Vortrag passende Bilder (Folien) an eine Wand projiziert werden. Die Anzahl der Bilder ist dabei mit 20 Stück ebenso vorgegeben wie die 20-sekündige Dauer der Projektionszeit je Bild. Die Gesamtdauer des Vortrags beträgt damit 6 Minuten 40 Sekunden.

Ich finde diese Vortragsform sehr inspirierend. Ich konnte jedem der 8 Vorträge verfolgen, ohne dass mich die Gesamtzeit sehr ermüdet hätte. Durch den schnellen Wechsel der Vortragenden, hat sich ja neben dem neuen Thema auch der Vortragsstil geändert. Die wichtigen Aspekte der Vortragenden sind in der Kürze der Zeit sehr gut rübergekommen. Ich kann daher diese Art der Vortragstechnik nur weiter empfehlen.

Ich selbst habe als Vortragender zum Thema “Erfahrungsbericht Interoperabilität BPMN 2.0″ (siehe auch SAPERION und Signavio auf dem Weg zum BPM Round-Trip Engineering) keine Probleme damit gehabt. Obwohl ich zuvor nicht geübt hatte, scheine ich den Informationsgehalt der Folien wohl intuitiv richtig dosiert zu haben. Geholfen hätte mir sicher noch eine Uhr auf dem Bildschirm, die die 20 Sekunden pro Folie runtergezählt hätte, und auch ein Blick auf die nächste Folie wäre schön gewesen. Denn,wenn ich mit einer Folien etwas schneller fertig war, hätte ich schon mal mit der nächsten beginnen können.

Gesamtfazit

Volle Punktzahl für die BPMCon 2011. Ich werde nächstes Jahr gerne wiederkommen und kann nur jedem empfehlen: der Weg lohnt sich!

Hier sind noch Impressionen der Veranstaltung

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Facebook Post to MySpace

Download PDF
Written by Dr. Martin Bartonitz in: general,process management | Tags: ,

5 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Herr Allweyer hat mir gerade die Artikel zur Studie Fast 40 Prozent der Europäer sind psychisch krank zugeschickt:

    Die Zahl ist alarmierend: Mehr als 160 Millionen Europäer leiden an einer psychischen Krankheit, nur eine Minderheit wird laut einer aktuellen Studie rechtzeitig behandelt. Den Schaden für die Volkswirtschaften schätzen die Forscher auf eine dreistellige Milliardenhöhe – pro Jahr.

    Schade ist nur, dass in dem Artikel nicht auf die Gründe eingegangen wird. Dafür gibt es aber viele weitere nützliche Informationen in Kommentaren. Was weniger schön ist, ist Häme von Jenen, die sich noch wohl fühlen und nicht nachvollziehen können, was Angst um den Arbeitsplatz und damit die Aberkennung der Leistungsbereitschaft für viele weniger starke (?) Menschen bedeutet.

    Comment | 12 September 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich habe noch den wichtigen Abschlusssatz von Herrn Wohland vergessen zu nennen: “Blasen sie nicht die kleinen Flammen an der Basis aus sondern fachen sie sie an.”
    Auch Jakob Freund hatte noch eine interessante Botschaft für das Publikum: “Stellen sie Menschen ein, die besser sind als sie selbst. Wenn sie immer nur B-Menschen einstellen, die wieder C-Menschen einstellen, sind sie am Ende von Z-Menschen umgeben.”
    Auch hier sehen wir wieder das Bild der Angst. Wer in einer Kultur der Konkurrenz lebt, wird den Teufel tun und bessere einstellen. Lieber will er die große Nummer sein und viele Nullen hinter sich scharen. Anders in einer Kultur der Kooperation. Hier werden miteinander Lösungen für Herausforderung geschaffen, d.h. auf das Team kommt es an.
    Genau dieses Verhalten haben wir auch schon während der Fußballweltmeisterschaft bei den Deutschen als auch den Spaniern sehen können. Auch Borussia Dortmund hat das im letzten Jahr praktiziert und damit viel Erfolg gehabt …

    Comment | 12 September 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Prof. Dueck geht in seinem aktuellen Artikel Aha, Suchmaschinen wie Google machen dumm und Frank Schirrmacher will noch eine – wo bleibt der höhere Mensch? auch auf die Thematik von Wissen und Können ein. Auslöser seiner Gedanken zum Thema sind Ansichten gewesen, dass Suchmaschinen wie Google dumm machen würden. Er sieht hingegen einen Segen darin und argumentiert meines Erachtens auch sehr schlüssig.
    Was mir besonders gefällt ist der Typ Mensch, den er zeichnet, und der sich inzwischen auch stark mit meinem Weltbild deckt:

    Wir brauchen Leute, die systemisch denken und handeln, die emotional intelligent sind, unternehmerisch handeln, nachhaltig agieren, Sinn für Sinn haben, kreativ sind, offen und neugierig sind und die die Dinge vorantreiben, die führen und verhandeln können, die gehört werden und andere dazu bringen können, mit ihnen fruchtbar zu sein.

    Das Wort “führen” sehe ich allerdings eher als “moderieren”. Denn mit “Führen” assoziieren wir noch immer “Verführen” oder positiver “Überzeugen”. Denn wenn ich Mitarbeiter an meinen Sinn koppeln kann, dann funktionierts besser. Aber dann hätte ich ggf. verpasst, andere Ideen selbst aufzunehmen …

    Comment | 14 September 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Hier gibt es noch einen weitere Zusammenfassung der Veranstaltung: http://codesemiotic.com/hit-the-code-jack/?p=78

    Comment | 14 September 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Noch ein Nachtrag: Activiti
    Camunda beteiligt sich an der Entwicklung der Open Source basierten Process State Engine. Daher war auch die Nutzung von Activiti ein großes Thema auf der Veranstaltung.
    Daniel Meyer, den ich hier auch persönlich kennenlernen konnte, hat gerade einen schönen Artikel veröffentlicht, der einen guten Einblick in das Modellieren und Programmieren mit Activiti gibt:
    Build your own activiti task explorer with CDI and JSF 2

    Comment | 19 September 2011

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment


eight + = 10

Theme: TheBuckmaker.com Web Templates | Bankwechsel Umschuldung, Iplexx IT Solutions