Jun
16
2010

Ist unsere Schwarmintelligenz nützlich oder gefährlich? Web 2.0 basierte Online-Dienste jedenfalls schwärmen von und werben mit ihr

Ein Schwarm Wanderheuschrecken: Bildtafel aus Brehms Tierleben 1884

Ein Schwarm Wanderheuschrecken: Bildtafel aus Brehms Tierleben 1884

Aber nicht nur diese. Ich war heute bei der SAP in Bensheim auf einem Treffen des BITKOM Arbeitskreises Knowledge Management und durfte u.a. einem interessanten Vortrag zum Innovationsmanagement der Commerzbank und Dresdener Bank folgen. Während dieses Vortrags fiel auch dieser Begriff Schwarmintelligenz (peinlich? diesen habe ich hier das erste Mal bewusst wahrgenommen), dessen positiven Effekte man nutzen wolle.

Meine spontane Reaktion in Erinnerung an das Buch Der Schwarm von Frank Schätzing war, dass uns durch die neuen Web 2.0 Anwendungen ein weiterer, sozialer Evolutionssprung bevorsteht.Commerzbank und Dresdener Bank haben ihren schon länger eingeführten Ablauf zur Einreichung von Ideen zu kontinuierlichen Verbesserung der Geschäftsprozess (KVP) um einen weiteren Eingangskanal erweitert. Dieser basiert auf einer Web 2.0 Anwendung. Die 11.000 vom Merger betroffenen Privatkundenbetreuer können ihren Vorschlag über ein kleines Web-Formular eingeben. Dieser Eintrag wird dann mit den anderen gelistet. Alle anderen 10.999 Berater können die Beiträge einmalig von 5 Punkte bewerten oder entwerten, so dass nach einiger Zeit die interessantesten klar sind. Ob das Ganze funktioniert, konnte noch nicht mitgeteilt werden, da man erst jetzt damit produktiv geht. Man darf also gespannt sein.

Der Vertreter von Adidas erwähnte in diesem Kontext eine ähnliche Anwendung, mit der sie gute Erfahrung gemacht haben: “Ask the Manager”. Das kann anonym erfolgen und muss spätestens nach 2 Wochen beantwortet sein. Das Verfahren sei gut angenommen, wennn auch der eine oder andere Manager schon gestöhnt habe. Aber es helfe auf jeden Fall, noch vorhandene Lücken aufzudecken und zu schließen.

Die hieraus entwickelte Idee war zuerst zu fragen, dem Anfragenden zuerst die Frage zu stellen, ob er nicht doch gleich einen Verbesserungsvorschlag einreichen möchte, der zudem das Potential habe, auch prämiert zu werden (in 2009 wurden z.B. bei Daimler 109 Mio € durch Verbesserungsvorschläge eingespart).

Zum Schluss noch  eine kritische Würdigung der Schwarmintelligenz. Von den Schwärmern werden immer die schönen Beispiele der Ameisen, Bienen, Fische und Vögel besprochen. Mir fällt da noch spontan der eher negativ belegte Heuschreckenschwarm ein. Sicherlich ist das Ameisenvolk ein sehr schönes Beispiel, wenn viele Individuen ohne einen Führer gemeinsam sich so gut organisieren können. Schnell war daher die Idee geschaffen, dass solche Mechanismen auch in unserer Wirtschaftwelt machbar sein sollten, bekannt unter dem Begriff der Selbstorganisation von Gruppen im Kontext von Agilität. Wir selbst (SAPERION) haben im Kleinen in unserem SCRUM Enwicklungsprozess gesehen, dass das funktionieren kann. Die Teams organisieren die Umsetzung der kommitteten Stories selbst. Der SCRUM Master ist nur dazu da, Impediments, die der Erfüllung entgegenstehen, aus dem Weg zu räumen.

Es gibt aber auch noch weitere Beispiele, die aufzeigen, dass Schwarmintelligenz auch ausgenutzt werden kann. Kritiker führen z.B. auch die Hitlerbewegung an. Es gibt aber auch Experimente, die klar aufzeigen, dass der Schwarm leicht manipuliert werden kann. Jochen Mai schreibt auf seinem Post: “Stanley Milgram, einer der wohl berühmtesten Verhaltensforscher des vergangenen Jahrhunderts, hat das in seinen teils amüsanten, teils beängstigenden Experimenten immer wieder gezeigt. Eines davon stammt aus dem Jahr 1969. Damals schickte Milgram ein paar Assistenten in New Haven, Connecticut, auf eine stark frequentierte Straße und ließ sie ein Fenster weit oben in einem wahllos ausgewählten Gebäude anstarren. Sie werden sich sicher denken, wie das endete: Als nur einer der Mitarbeiter scheinbar interessiert nach oben blickte, hielten etwa 40 Prozent der Passanten an und gafften ebenfalls nach oben. Waren es schon zwei Mitarbeiter, stieg der Anteil der Mitgaffer auf stolze 60 Prozent. Bei fünf Mitarbeitern hielten sogar 90 Prozent der Passanten an und glotzten ebenfalls dorthin, wo es nichts zu sehen gab.”

Herr Mai schildert auch eine eigene Erfahrung: “Es war erst vor kurzem auf der Internet-Konferenz re:publica. Zwischen zwei Veranstaltungen standen mehrere Gruppen vor dem Hauptsaal im Friedrichstadtpalast und erfrischten sich an der Bar mit Bier und Brezeln. Alle unterhielten sich gut, es wurde viel gelacht, gestikuliert, keiner achtete auf die Uhr. Irgendwann hatte einer ausgetrunken und aufgegessen, nahm seinen Laptop und ging schnurstracks in den Saal. Zwei, drei andere folgten im beherzt und ähnlich zackig. Und ohne, dass einer die Glocke geläutet oder Anweisungen gegeben hätte, schlossen sich immer mehr der Bewegung an, tranken zügig ihr Bier aus, schlangen die Brezel herunter und machten sich ebenfalls sofort auf die Suche nach einem Sitzplatz (obwohl es davon mehr als genug gab). Ich übrigens auch. Der Witz war: Allesamt waren wir rund zehn Minuten zu früh dran. Wir hätten also ruhig noch stehen bleiben und unser Glas in Ruhe austrinken können. Aber diese vier „Anführer“, die vermutlich nicht einmal welche sein wollten, leiteten einen ganzen Schwarm. Zufällig. Aber effektiv. Man muss also gar nicht unbedingt ein Alpha-Tier oder eine ausgewiesene Führungskraft sein. Oft reichen schon ein klares Ziel, wenige Unterstützer und eine gute Portion Chuzpe, um Teams zu führen. Der Rest hat dann mit Intelligenz relativ wenig zu tun. Naja, vielleicht nur ein bisschen.”

Mir scheint, dass es wie mit vielen Dingen ist: richtig angewendet, werden uns die Web 2.0 Anwendungen sehr viel weiter bringen können (siehe z.B. auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia). Solche Anwendungen können aber genauso unterwandert werden und nach hinten los gehen. Auch hierzu habe ich ein Beispiel gefunden, wo eine wenig fundierte Nachricht (eher Falschdarstellung) sehr schnell die Runde gemacht hat -> Martin Weigert über “Schwarmintelligenz hat nicht immer Recht“.

Kritisch ist auch dieser Beitrag: “Sozialforschung : Schwarmblödheit wird Schwarmintelligenz stets überlegen bleiben

Und hier ist auch noch einer auf die Idee gekommen, unsere Schwarmintelligenz zu bemühen: NRW-Wahl: Die Schwarm-Intelligenz des Wählers!

Es gibt auch schon sehr nützliche Anwendungen der Schwarmintelligenz, hier beim Sparen von Strom: digitalSTROM

Nachmittags haben die Mitglieder des BITKOM Arbeitskreises noch in Gruppen an einem Papier zu Führungsproblematiken beim Umbau zu den zukünftigen Wissensarbeitsplätzen gearbeitet. Diese Papier soll Ende des Jahres veröffentlicht werden. Das Tool, an dem nun gemeinsam online an dem Thema weiter gearbeitet wird, ist ein Wiki :-)

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general | Tags: , , , ,

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