Jun
14
2010

Lassen sich Geschäftsprozesse besser verbessern, wenn man die Mitarbeiter mehr motiviert?

BPM wird als Methode zur ständigen Verbesserung von Geschäftsprozessen betrachtet. Dabei werden einerseits technische Aspekte berücksichtigt wie die Unterstützung durch Workflow Systeme (siehe Post: Wird die nächste Generation von Workflow-Systemen adaptiv?) und andererseits Methoden der Organisationstheorien angewendet. Mitarbeitermotivation gehört sicherlich zum zweiten Aspekt. Für Prof. Hüther ist es hirntechnischer Unsinn, andere motivieren zu wollen. Aber auch die Self-Determination Theory (DST) von Deci & Ryan, auf Deutsch Selbstbestimmungstheorie, geht von einem schwierigen Vorhaben zur Motivation von Mitarbeitern aus. Denn der Mensch besitze genetisch veranlagt ein Wachstumsbedürfnis, sprich den Hang sich stetig verbessern zu wollen, eben eine intrinsische Motivation. Diese Motivation kann durch falsch gesetzte Belohnung sogar korrumpiert werden, sprich es führt genau wie bei Bestrafung zur Demotivation.

Ich bin auf diesen Sachverhalt über die Suche nach Methoden zur Einführung eines Compliance Systems gestoßen. Denn das Einführen von Verhaltensrichtlinien ist nur dann effektiv, wenn die Botschaft internalisiert werden kann, d.h. Mitarbeiter sich damit identifizieren. Und da auch das Ausführen von Tätigkeiten in Geschäftsprozessen extern motiviert sind, werden auch diese nur dann optimal ausgeführt werden, wenn die Erreichung der dahinter liegenden Ziele von den Mitarbeitern als eigene Bedürfnisse erkannt werden.

Sebastian Thieme, Promovend an der Universität Leipzig, bei Prof. Dr. F. Quaas im Fach Evolutorische Ökonomik, hat ein schöne Zusammenfassung der Self-Determination Theory geschrieben, die ich hier in Teilen vorstellen möchte.

Titel: SELBSTBESTIMMTE MOTIVATION – ein Überblick

Ausgangspunkt für die SDT sind Grundbedürfnisse, die

  • wenn sie befriedigt werden zur Gesundheit und zum Wohlbefinden beitragen, und
  • wenn sie aber nicht befriedigt werden, zu Krankheit und Unbehagen führen.

Die SDT wirft den Fokus insbesondere auf psychologische Bedürfnisse und definiert sie als psychologische Bestandteile, welche für die fortlaufende geistige Entwicklung, Integrität und das geistige Wohlbefinden notwendig sind. Damit sind diese Bedürfnisse sogenannte Wachstumsbedürfnisse, weil sich der Mensch ständig weiter entwickelt. Die Folge: Eine endgültige Befriedigung solcher Bedürfnisse ist nicht möglich, da sie immer wieder auftreten. Im Rahmen der SDT werden insgesamt drei Grundbedürfnisse unterschieden:

KOMPETENZ, AUTONOMIE und VERBUNDENHEIT.

Mit KOMPETENZ ist das Streben nach fachlicher Perfektion gemeint, d.h. hinsichtlich eines bestimmten Aspektes möglichst effizient bzw. wirksam zu handeln.

Das Bedürfnis nach AUTONOMIE beschreibt das Verlangen, möglichst aus freien Stücken – also frei von etwaigen Zwängen – agieren zu können. Daher ist AUTONOMIE nicht mit Individualismus oder Egoismus gleichzusetzen. Hier geht es darum, wie frei eine Entscheidung getroffen werden kann; ob womöglich externe Einflüsse die Entscheidung einschränken.

VERBUNDENHEIT bezieht sich auf den Wunsch, die Zuneigung und Fürsorge anderer zu erfahren sowie dies selbst auch anderen angedeihen zu lassen. Wichtig ist, dass für den Erhalt der geistigen Gesundheit alle Bedürfnisse befriedigt werden müssen.

Es reicht nicht, nur ein oder zwei dieser Grundbedürfnisse zu befriedigen. Alle drei Bedürfnisse sind enorm wichtig. Gleichwohl sieht die SDT das menschliche Handeln nicht allein auf die Bedürfnisbefriedigung abgestellt. Genau so gut kann eine Aktivität durch das Interesse an der Aktivität selbst oder durch die beigemessene Bedeutung der Aktivität begründet sein. Ob eine Handlung als interessant oder bedeutsam eingeschätzt wird, hängt zwar davon ab, wie erfolgreich sie hinsichtlich der Bedürfnisbefriedung war. Solche interessanten oder bedeutsamen Handlungen müssen aber nicht zwangsläufig wieder mit dem Ziel der Bedürfnisbefriedigung eingesetzt werden. Zum Beispiel mögen AUTONOMIE und KOMPETENZ für einen Malkünstler notwendig sein, um beim Malen (Aktivität) Freude zu empfinden. Umgekehrt ist das Malen aber nicht zwangsläufig eine Aktivität, um das Bedürfnis nach AUTONOMIE und KOMPETENZ zu befriedigen – im Mittelpunkt steht die Freude bzw. das Interesse.

INTRINSISCHE MOTIVATION

Handlungen sind intrinsisch motiviert, wenn ihr Ursprung innerhalb einer Person verankert ist. Die Motivation rührt also von dem Verhalten selbst her, d.h. die Tätigkeit an sich wirkt motivierend. Konkret  sind damit solche Aktionen wie die Suche nach Neuem, das Ausbauen und Anwenden von Kenntnissen, Lernen sowie spontanes persönliches Interesse gemeint. Weil solches Verhalten von innen heraus motiviert ist, gilt es als autonom reguliert bzw. selbstbestimmt. Daher wird auch von selbstbestimmter Motivation gesprochen.

EXTRINSISCHE MOTIVATION

Bei der extrinsischen Motivation liegt der Antrieb einer bestimmten Handlung außerhalb der Person. Die Motivation speist sich aus einem Verhalten, mit dem ein bestimmtes Resultat erzielt werden soll.  Es liegt also eine intstrumentelle Absicht vor, wobei eine gewisse Abhängigkeit zur Umwelt (außerhalb) besteht. Insofern sind extrinsisch motivierte Handlungen nicht mehr autonom, sondern extern reguliert.

Die SDT geht davon aus, dass der Grad dieser Regulierung unterschiedlich sein kann und sogar extrinsisch autonom reguliertes motiviertes Handeln denkbar ist.

REGULIERUNGSTYPEN

Die Motivation lässt sich nach der Selbstbestimmtheit des Verhaltens, ihrem Ursprung und nach dem Typ der Regulierung unterscheiden. Es ergeben sich drei verschiedene Motivationsarten. Zunächst die sogenannte Amotivation. Sie ist gekennzeichnet durch die gänzliche Abwesenheit irgendwelcher Handlungsabsichten, so dass hier auch keine Motivation anzutreffen ist. Wenn überhaupt Handlungen stattfinden, sind sie entweder ziellos (z.B. dösen, tagträumen) oder unkontrolliert (Rage).7 Insofern ist weder selbstbestimmtes Verhalten, noch Regulierung möglich. Ursachen für solche Situationen liegen u.a. in einer mangelnden Kompetenz und in geringen Aussichten auf Handlungserfolg begründet.

Das andere Extrem ist die bereits erwähnte intrinsische Motivation, bei der das größte Maß an Selbstbestimmtheit bzw. AUTONOMIE anzutrefen ist. Weil der Handlungsursprung innerhalb der Person liegt, gelten solche Handlungen als intrinsisch bzw. innerlich reguliert. In solchen Situationen sind Personen gänzlich frei von Zwängen und tun nur das, was ihnen gefällt.

Zwischen diesen beiden Formen liegt die extrinsische Motivation, welche durch Internalisierung gekennzeichnet ist. Damit sind Prozesse gemeint, in denen Personen externe Einflüsse bzw. Regulierungen verinnerlichen. Dies ist in unterschiedlichem Maße möglich, so dass sich hierbei vier Typen extrinsischer Motivation ableiten lassen.

Wenn die Ursache für eine Handlung völlig außerhalb einer Person liegt, ist das Handeln external (von außen) reguliert und besitzt daher das geringste Maß an AUTONOMIE. Das darauf basierende Verhalten wird als kontrolliert oder (vom Ich) entfremdend empfunden. Typischerweise handelt es sich dabei um Situationen, in denen Personen mit Belohnungen oder Strafen konfrontiert sind; es wird zwar mit einer bestimmten Absicht gehandelt, diese ist aber von den äußeren Bedingungen abhängig.

Bei einer introjizierten Regulation sind bestimmte externe Bedingungen verinnerlicht, aber nicht vollständig akzeptiert. Aufgrund von Selbstachtung, Traditionsempfinden oder eines schlechten Gewissens können bestimmte Handlungen von innen heraus angestoßen werden, weshalb sie einen internen Kern besitzen. Diese Handlungen werden zwar nicht mehr als kontrolliert oder entfremdend wahrgenommen, erfolgen aber dennoch unter Druck bzw. Zwang – einem inneren Zwang. Trotz dieses inneren Zwangs wird die Ursache für das Handeln außerhalb der eigenen Person gesehen und empfunden.

Von identifizierter Regulierung ist zu sprechen, wenn eine Person bestimmte äußerliche Einflüsse als ein Handlungsziel ansieht und die entsprechende Handlung als persönlich wichtig einstuft. Solche Aktivitäten sind schon wesentlich autonomer, da sie zu einem bestimmten Teil von Innen heraus angestoßen werden. Bei der extrinsischen Motivation ist das höchste Maß an AUTONOMIE gegeben, wenn identifizierte äußerliche Einflüsse oder Bedingungen vollständig verinnerlicht wurden. In diesem Fall wird von integrierter Regulierung gesprochen.

Damit lassen sich also zwei Formen selbstbestimmten Handelns ausmachen. Zum einen selbstbestimmtes intrinsisch motiviertes Vehalten, welches durch Interesse, Freude und innerer Zufriedenheit getragen wird. Zum anderen selbstbestimmtes extrinsisch motiviertes Verhalten, das sich durch die vollständige Verinnerlichung externer Begebenheiten auszeichnet. Zu beachten ist, dass dieses  Verhalten trotz Verinnerlichung immer noch extrinsisch ist, weil den Handlungen immer noch instrumentelle Absichten zugrunde liegen; es sollen bestimmte (externe) Resultate erzielt werden – die Handlungen sind also nicht Selbstzweck.

BEISPIEL

Wenn ein Schüler sich FONTANES Effi Briest zu Gemüte führt, weil er den Stoff so interessant findet, kann von  intrinsischer bzw. internaler Regulierung gesprochen werden.

Wenn der gleiche Schüler das Buch deshalb liest,  weil es Prüfstoff ist und er mit dem Lesen eine gute Note erhalten kann, stellt das Lesen eine external regulierte Aktion dar.

Als introjiziert reguliert ist es anzusehen, wenn alle Mitschüler das Buch lesen und der Schüler selbst nicht als Einziger dastehen möchte, der keine Kenntnis über den Inhalt besitzt. Der Schüler mag zwar der Meinung sein,  dass der Zwang zum Lesen von außen (vom Lehrer) ausgeht, tatsächlich folgt er aber einem inneren Druck.

Indentifizierte Regulierung liegt vor, wenn der Schüler das Buch liest, weil er im schulischen Literaturzirkel einen  Vortrag über FONTANE halten möchte. Der Vortrag ist ein selbst gestecktes Ziel, wofür das Lesen des Buches als wichtig erachtet wird.

Angenommen, der Schüler möchte sein Taschengeld aufbessern. Wenn er dann in einem Antiquariat arbeitet und dort in FONTANES Effi Briest schmökert, darf von integrierter Regulierung gesprochen werden. Sowohl die Aufbesserung des Taschengeldes, als auch der Lesewunsch wurden als wichtig eingestuft und miteinander kombiniert. Beide Ziele sind auf eine Linie gebracht (harmonisiert).

BEURTEILUNG

Nachdem die Bedürfnisse und Formen der Motivation vorgestellt wurden, bedarf es noch einiger Ausführungen zu bestimmten Zusammenhängen und Erkenntnissen. So geht intrinsisch motiviertes Streben nach KOMPETENZ mit einem gewissen Grad an AUTONOMIE einher – intrinsische Motivation erfordert, dass KOMPETENZ als selbstbestimmt wahrgenommen und erlebt wird. Ferner ist es für die intrinsische  Motivation förderlich, wenn ein nach KOMPETENZ strebendes Verhalten sozial eingebettet ist, was letztlich wiederum auf das Bedürfnis nach VERBUNDENHEIT verweist. Die intrinsische Motivation ist daher  um so höher, je verbundener sich eine Person mit ihrer sozialen Umgebung fühlt.

Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass sich intrinsische Motivation durch extrinsische Motivation verdrängen lässt. Das kann eintreten, wenn ein bestimmtes nach Innen gerichtetes Verhalten nicht zur  Befriedigung der Bedürfnisse führt oder vielleicht sogar ein noch größeres Bedürfnisdefizit verursacht. In dem Fall tendieren Menschen normalerweise dazu, ihre insgesamten nach Innen gerichteten Anstrengungen zur Befriedigung von Bedürfnissen zu verringern. Es erfolgt eine Abkehr von inneren Werten hin zu einer Orientierung nach außen; intrinsiche Motivation wird durch extrinsische Motivation  verdrängt. Konkret bedeutet dies: Die Belohnung einer Tätigkeit kann dazu führen, dass das Interesse an einer Tätigkeit in den Hintergrund rückt und statt dessen die Belohnung selbst als wichtiger erachtet wird. Langfristig führt das zu noch größeren Bedürfnisdefiziten, weil ja die eigentlichen Bedürfnisse nicht befriedigt werden  und die externen Motivation zu einem gewissen Grad fremdbestimmt ist. Letzlich wirken sich solche Verhaltensanpassungen dann negativ auf Lebensillem, Integrität und Gesundheit aus.

Zum Schluss sei noch darauf hingewiesen, dass der weiter oben bereits vorgestellte Internationalsierungsprozess, d.h. die Verinnerlichung von externen Einflüssen, zwar in bestimmten Stufen dargestellt wurde. Es aber nicht zwangsläufig erforderlich ist, alle diese Stufen nacheinander durchlaufen zu müssen. Allerdings gilt: je stärker die Internalisierung fortgeschritten ist, desto größer ist die Wirksamkeit und AUTONOMIE des Verhaltens, das geistige Wohlbefinden und die VERBUNDENHEIT mit dem sozialen Umfeld.

Link zum PDF mit den Quellenangaben.

———- Ende des Überblickbeitrags ———-

Ich persönlich kann das Wirken sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Umfeld gut erkennen. Ich habe Bekannte, die völlig unterschiedliche Erziehungstile haben. Beide stellen Regeln auf und streiten um die Einhaltung. Die einen Bestrafen, im schlimmsten Fall mit Liebesentzug. Die anderen so lange, bis verstanden wird, warum es die Regel gibt und warum es für beide Parteien gut ist, sie zu befolgen. Wer da wohl die höher motivierten Kinder hat?

Entsprechendes habe ich auch immer wieder in den Firmen gesehen, in denen ich angestellt war. Besonders in einem Fall war interessant zu beobachten, wie die Motivation nach einem Merger wieder bei den “Gekauften” stieg, nachdem eine Reihe von Change Managmenet Aktivität gelaufen waren. Diese Aktivitäten haben dazu geführt, dass die Mitarbeiter begannen, sich auch mit dem neuen Unternehmen zu identifizieren.

Und was das Verbessern von Prozessen angeht. Ich denke, dass dort, wo Mitarbieter schon die innere Kündigung ausgesprochen haben, eine Beteiligung zur Verbesserung von Prozessen kaum mehr möglich ist. Dort, wo überwiegend intrinisch motivierte Mitarbeiter zu finden sind, sollten Prozesse von sich aus schon effektiver laufen und auch leichter weiter verbessert werden können. Und was das Motivieren angeht sieht es nach dieser Theorie so aus, dass “nur” die drei Grundbedürfnisse befreidigt werden müssen. Weitere Möhrchen vor der Nase sind eher kontraproduktiv.

Es gibt auch noch Kritik: Maslov hatte ja auch noch das Gundbedürfnis SICHERHEIT angeführt. Ich denke, auch das wäre noch ein wichtiger Punkt.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general | Tags: , , ,

1 Comment »

  • [...] wo eine Kultur des Vertrauens gepflegt wird, in denen Menschen ohne Angst und größtenteils selbstbestimmt ihren Aufgaben nach gehen können, entwickeln sich die guten Ideen zu Produkten und Prozessen. Dort, wo diese Kultur nicht zu finden [...]

    Pingback | 5 April 2012

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