Jul
21
2010

Lieben wir den Verrat und hassen den Verräter? Warum wird der Whistleblower in so schlechtem Licht gesehen?

Dass es einem Whistleblower schon mehrfach an den Kragen ging, hatte ich schon in dem Post Mangelware Unrechtsbewusstsein: Whistleblower laufen Gefahr, selbst an den Pranger gestellt zu werden dargestellt. Gestern Abend hatte ich mit Bekannten über das Phänomen gesprochen und die hatten aktuelle Fälle des Whistleblowings im privaten Umfeld zu schildern:

1. Fall: Anzeige eines Nachbarn als Dieb von Oberflächenwasser

Die Bekannten wohnen an einem Bauchlauf. Einer ihrer Nachbarn wurde von einem anderen beim Bachverband angezeigt, per Pumpe Wasser aus dem Bach abgezweigt zu haben, um seine Garnten zu bei der Hitze Feuchtigkeit zuzuführen. Der Bachverband hat nun mit einer Strafgebühr gedroht. Das Abpumpen ist an dem Bach kein Einzelfall.

2. Fall: Anzeige eines Mitschülers als Schwarzfahrer

Die 14-jährige Tochter berichtet, dass ein “merkwürdig aussehender” Sechs-Klässler einen Neun-Klässler bei der Busfahrerin wegen Schwarzfahren “angeschwärzt” hatte. Er hatte beobachtet wie der schon eingestiegene Freund seine Karte dem anderen aus dem offenen Fenster hinausgereicht hatte.

In der dann folgenden Diskussion war der Tenor, dass man doch die Freunde, Kollegen, Nachbarn wegen solcher Kleinigkeiten nicht “verpetzen” / “denunzieren” darf.

Diese Diskussion bewegte micht ambivalent. Auf der einen Seite regte sich Sympathie für die Regelbrecher. Wasser sollte dich für Alle da sein. Und die Fahrpreise sind doch eh zu hoch. Auf der anderen Seiten sind aber doch die Fahrpreise auch so hoch, weil viel Scharzgefahren wird und auch viel zerstört wird.

Schauen wir also weg und sagen nichts, wird es für unseren Geldbeutel teurer. Und habe ich im Kleinen mit Betrügereien angefangen und keiner hat etwas gesagt, ist der Schritt zur nächst größeren Gaunerei kein weiter mehr. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der mal meinte, dass der Weg zur Kriminalität ein schleichender ist. Ähnlich wie es ist, Alkoholiker zu werden.

Der Dalai Lama sagt (und auch andere), dass man die Regeln lernen solle, um sie brechen zu können. Er meinte dies sicherlich in dem Rahmen, wie es der Kant´sche Kategorische Imperativ definiert. Wenn Regeln ungerecht sind, ist ihr Brechen zwar aus Sicht des Gesetzgebers strafbar, wird von den Bürgern aber eher als Kavaliersdelikt abgetan und damit nicht angezeigt. Wird das Steuersystem z.B. als ungerecht empfunden, wird es hinterzogen, bis kaum noch Steuern gezahlt werden. So dass der Staat dann, wie der Fall Griechenland zeigt, vor der Insolvenz steht.

Haben die Nachbarn und der Schüler nun ethisch korrekt gehandelt?
Die gesetzen Regeln waren doch auf ihrer Seite …

Ingo Kurpanek hat zum Thema Vertrauen und Verrat aus moralischer Sicht eine interessante kritische Betrachtung veröffentlicht.

Thomas Fausst schreibt in seinem Artikel Whistleblowing – Verrat oder verantwortliches Handeln? Chancen und Risiken der Individualethik im Beruf Faktisch jedoch sind solche Enthüllungen [Anm.: beim Whistleblowing] höchst brisant, und sie bewegen sich oft in rechtlichen und moralischen Grauzonen.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: general |

1 Comment »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Christhard Läpple hat sich den Verräter auf der dunklen Seite der Macht angeschaut. Tiefe Abgründe tun sich mit Blick auf die DDR auf:

    “Bestimmte Merkmale wiederholen sich. Jugendlicher Idealismus sowie der Wunsch, einer Elite anzugehören und Privilegien zu besitzen, gehörten dazu. Auch die Vorstellung, durch die Mitarbeit bei der Staatssicherheit eine sinnvolle Aufgabe im ansonsten sinnfreien Staat übernehmen zu können, motivierte. Insbesondere der allen Ehrgeiz nivellierende Gleichheitsgrundsatz des Arbeiter und Bauernstaates sicherte dem Ministerium für Staatssicherheit eine solide Rekrutierungsbasis. Ehrgeiz und Pflichtgefühl stellten jedoch nicht die einzigen Merkmale bei den von Christhardt Läpple ausgewählten IMs dar. Auch die soziale Herkunft scheint wichtig gewesen zu sein. Schwierige Familienverhältnisse und materielle Nöte schufen die Voraussetzung für ein überzeugendes sozialistischen Glaubensbekenntnis. Der daraus resultierende Idealismus der Angeworbenen half, zumindest eine Zeit lang, moralische und emotionale Hemmungen zu überwinden. Eine andere Form der Motivierung war die erzwungene Kooperation. Systemkritisches Verhalten oder der Schutz der Familie vor angedrohten Repressalien halfen der Staatssicherheit bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter.”

    Dass diese Verräter geächtet werden, ist kein Wunder. Aber warum passiert es den Whistleblowern, die doch auf der positiven Seiten stehen?

    Gefunden im Artikel “Verrat verjährt nicht”: Das Erbe der Stasi: Christhard Läpple erzählt Lebensgeschichten aus der DDR http://buecher-zeitgeschichte-politik.suite101.de/article.cfm/verrat_verjaehrt_nicht_das_erbe_der_stasi

    Comment | 21 July 2010

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