Jul
20
2010

Mangelware Unrechtsbewusstsein: Whistleblower laufen Gefahr, selbst an den Pranger gestellt zu werden

Whistleblowing

Whistleblowing

Hans Leyendecker brachte als leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung allein oder im Team etliche Wirtschaftsaffären an Tageslicht. Für seine Enthüllungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland. In einem Interview der HR & Compliance spricht er einerseits das mangelnde Untrechtsbewusstsein der Täter vor Gericht an. Aber viel schlimmer hat er mitbekommen müssen, dass Whistleblower (sieh auch den Post Wenn unser Gewissen bei einer Regelverletzung anschlägt hilft Whistleblowing!), die nicht anonym blieben, selbst an den Pranger gestellt wurden. Schon Julius Cäsar sagte: “Ich lieben den Verrat, aber ich hasse den Verräter”.

Damit das Whistleblowing funktioniert, empfiehlt er die Einrichtung eines Ombudswesens. Der Ombudsmann sorgt für die Anonymität und hilft bei der Aufdeckung einer Straftat.

Damit das Compliance Management nicht selbst Werkzeug der Korruption wird, sollte es dem Vorstand direkt unterstellt und überwacht werden. O-Ton aus dem Interview:

Die Compliance Abteilung sollte Wachhund im Unternehmen und gleichzeitig auch Prediger sein – und Null-Toleranz üben. Sie überwacht die Einhaltung der Leitlinien und geht  gegen Verstöße vor. Compliance-Beauftragte sollten nur verantwortlich gegenüber dem Vorstand sein. Und wenn dieses Gremium Hinweise darauf hat, dass die Abteilung unzureichend informiert und funktioniert, dann muss es umgehend reagieren.

Herr Leyendecker hat auch noch auf einen anderen Punkt hingewiesen. Die Täter geben häufig vor, dass sie ja nur zum Wohle der Firma agiert haben. Dieses Muster hatte ich auch schon unter dem Aspekt der Vertuschung im Post Ob Familie, Verein, Unternehmen oder Kirche – Vertuschung die Regel? besprochen. Ein häufiger Grund, warum Täter, die intern zwar aufgefallen sind, aber nicht vor Gericht gebracht werden.

Nachtrag vom 21.07.2010:

Thomas Faust schreibt im Kontext des ethos-Projekts in dem 2009 geschribenen Artikel  Whistleblowing – Verrat oder verantwortliches Handeln? Chancen und Risiken der Individualethik im Beruf zur Die Situation in Deutschland:

Nicht nur die Begriffsbildung steckt in Deutschland erst in den Anfängen. Auch die bekannt gewordene Zahl der Whistleblowing-Fälle ist bislang eher gering. Denn Arbeitsrecht und -moral sind durch die Loyalitätspflicht des Arbeitnehmers sowie durch das Direktions­recht des Arbeitgebers geprägt. So besteht derzeit nur ein eher dürftiger gesetzlicher Schutz von Whistle­blowern. Zwar stehen sie prinzipiell unter der Obhut des Artikels 5 Grundgesetz (Meinungsfreiheit); zudem können Mitarbeiter sich an die zuständige Behörde wenden, wenn der Arbeitgeber beanstandete Sicherheitsmängel nicht behebt (§ 17 Arbeitsschutzgesetz). Dennoch müssen Whistleblower oft, das zeigen Gerichtsurteile, mit harschen arbeitsrechtlichen Maßnahmen bis hin zur fristlosen Kündigung rech­nen. Denn ihre Verschwiegenheit und ihre Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber werden häufig als wichtiger erachtet als ihre Meinungsfreiheit und das (Informations‑) Interesse der Öffentlichkeit. Dies führt zu einer erheblichen Verunsicherung potenzieller Hinweisgeber – was in der Tat begründet ist. Denn nicht wenige Whistleblower-Schicksale enden z. B. mit sozialer Isolation, Gesundheitsproblemen und Frühverrentung.

Es bleibt also noch Einiges im Gesetzgeberischen zu tun, um unsere Wirtschaftsethik auf den richtigen Pfad zu bringen.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: ,

1 Comment »

  • Für guten Umgang mit Whistleblowing und Whistleblowerschutz müssen Organisationen mehr tun als nur einen Ombudsmann einzusetzen. Einiges davon hat Whistleblower-Netzwerk e.V. in einer Übersicht zusammengestellt: http://www.whistleblower-net.de/content/view/176/102/lang,de/

    Unternehmen sollten sich außerdem auch für effektiven gesetzlichen Whistleblowerschutz einsetzen. Ersten glaubwürdiger zu sein und zweitens um gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Mitbewerber sicherzustellen.

    Comment | 21 July 2010

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