Sep
14
2012

Nachlese BPMCon 2012: klares Denken

Ich hatte heute eine weitere Gelegenheit, erkennen zu dürfen, wie leicht unser Denken uns zu falschen Entscheidungen führt. Der Autor des Buchs „Die Kunst des klaren Denkens“, Rolf Dobelli, hatte heute den Eröffnungsvortrag auf der von 150 Teilnehmern gut besuchten, und gelungenen 2. BPMCon der camunda gehalten. Nicht nur, dass wir von allen Seiten beschallt werden, wie und was wir zu denken haben (siehe z.B. meine Buchbesprechung Wissensaktivierung – Neue Denkwege). Auch eine Reihe von Denkalgorithmen, die vermutlich auf unserem evolutiven Weg vor einigen zehntausend Jahren Sinn gemacht habe, führen uns häufig genug hinters Licht, so Herr Dobelli. In seinem Buch bespricht er 52 von über 100 systematische Denkfehler. Hier ein paar, die ich mir notiert habe.

Zuerst sprach er auf unseren Fehler an, dass wir meist nur das Ergebnis anschauen, aber nicht den Prozess, wie es zum Ergebnis kam. Deutlich machte er das an dem Verhalten der Brösenteilnehmer. Die Börse sei ein komplexes System und daher nicht berechenbar. Daher stehen Gewinner nur durch Zufall dort. Wir nehmen an, dass dies die Könner sind und versuchen sie nachzuahmen. Schaut man sich aber den Prozess an, so entdeckt man schnell das Glücksspiel dahinter. Der Begriff für dieses Verhalten ist „Outcome bias“.

Was nicht in unsere Lieblingstheorie passt, vergessen wir wieder in kürzester Zeit. Daher sollten wir entsprechend konträren Gedanken sofort notieren. Darwin z.B. hatte diese Praxis intensiv angewandt. So sollte ein Geschäftsführer immer einen zweiten Berater beauftragen, um gegen die präferierte Lösungsalternative zu argumentieren. Sein Honorar sollte zudem davon abhängen, dass die geplante Lösung nicht umgesetzt wird.

Ein weiteres wichtiges Fehldenken ist, das wir die Grundverteilung missachten. Mit Grundverteilung ist gemeint, wie sich die Verteilung von Häufigkeiten der betrachteten Paramenter verteilen. Als Beispiel brachte er die Frage:

Ein Mann ist schlank und hört gerne klassische Musik. Ist der Mann eher ein Professor in Berlin oder eine LKW-Fahrer?

Häufig wird auf den  Professor getippt. Aber in Berlin gibt es sehr wenige Professoren in Relation zu den tausenden von LKW-Fahrern. Da ist es wahrtscheinlicher, dass es ein solcher ist.

Ebenso schlecht sieht es um unsere Fähigkeit zur Einschätzung unserer Aufwände für eine Aufgabe aus. Wir schaffen es so gut wie nie, unsere Todo Liste wie geplant abzuarbeiten. Studenten lagen in einer Untersuchung durch die Bank mit jeweils über 50% daneben.

Gerade im Fall komplexerer Aufgaben wird zu wenig mit unvorhergesehenen Ereignissen gerechnet. Inzwischen gehen viele hin und schauen sich im Ereignisfall nochmals an, warum eine Planung nicht funktionierte (post mortem). Seine Empfehlung ist eine präventive Pre-Mortem-Sitzung: „Stellen Sie sich vor, am Ende sind wir in der Situation, dass wir den Plan nicht umsetzen konnten?“

Wir sind äußerst autoritätshörig (siehe Experiment von Milgram). Hier bietet sich ein Abtrainieren an, ähnlich wie das inzwischen bei Piloten-Crews gemacht wird und der 1. Pilot quasi ein Mantra spricht: „Lieber Co-Pilot, wenn Du etwas nicht verstehst, was ich tue, bitte sprich mich darauf an. Ich bin nicht davon frei, Fehler zu machen.“ Wir sollten viel mehr Vertrauen in unsere eigene Expertise haben.

Ein weitere unserer Schwächen, die wir uns immer wieder vor Augen halten sollten, ist unser Herdenverhalten (social proof, Experimente): wir tendieren dazu, das Verhalten der Vielen nachzuahmen. In der Savanne war das früher sicher ein wichtiges Verhalten, wenn alle anderen wegrennen, ihnen besser direkt zu folgen.

„Jetzt haben wir so viel investiert, jetzt können wir das doch nicht einfach stoppen!“ Als Beispiel nannte er die Fortsetzung des Vietnamkriegs, obwohl schon klar war, dass er nicht mehr zu verlieren war. Man sei es den schon gefallenen Soldaten schuldig. Auch das Concord-Projekt wurde weiter durchgeführt, obwohl klar war, dass man nie einen Gewinn erzielen würde. (Sunk cost fallacy).

Uns fällt es viel leichter, eine schlechte Botschaft zu akzeptieren, wenn sie begründet ist, selbst wenn es nur eine fadenscheinige ist. Hierzu fiel mir spontan die Bahn ein. Seit ein paar Jahren erst wird immer ein Grund für eine Verspätung angeben, sei es eine Signal- oder Weichenstörung, ein Personenschaden oder einfach nur Probleme im Betriebsablauf. Seitdem wird weniger geschimpft. (Begründungsrechfertigung)

Wenn wir etwas im Jetzt haben können, sind wir eher bereit, es zu nehmen, als es später mit einem Zuschlag zu bekommen. Herr Dobelli zeigte einen Film, in dem Kindern ein Marshmellow vorgesetzt wurde. Wenn er noch auf dem Teller läge, wenn man zurückkommt, gäbe es noch einen dazu. Die Kinder kamen in einen riesigen Konflikt. Man hatte sich später angeschaut, was aus den Kindern wurde. Wer warten konnte, hatte eine bessere Karriere gemacht.

Wir wüssten nicht wirklich, was uns glücklicher oder erfolgreicher macht. Aber wir wissen mit Sicherheit, was unser Glück zerstört. Negatives Wissen sei handfest und klar. Daraus leitet er am Ende seine Empfehlung ab: wir sollten unsere bekannten Denkfehler reduzieren.

Und was mich nicht wirklich wunderte: dieser Vortrag war nicht von allen Teilnehmern positiv angenommen. Wer wird schon gerne auf seine Schwächen angesprochen? Der englische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) formulierte schon:

Die meisten und schlimmsten Übel, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat, entsprangen dem felsenfesten Glauben an die Richtigkeit falscher Überzeugungen.

Wer also von sich überzeugt ist, wird sich auch von diesen Anregungen kaum inspirieren lassen, oder?

Prof. Allweyer hatte heute während der Veranstaltung schon weitere Vortragszusammenfassungen gepostet,die ich noch empfehlen möchte:

BPMCon 2012: Denkfehler und neues BPM

BPMCon 2012: Prozessautomatisierung mit Activiti in Theorie und Praxis

 

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,process management | Tags: , ,

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