Sep
04
2011

Sind unsere grafischen Modellprozesse amateurhaft?

Der australische Modellierungsexperte Daniel Moody stellt den meisten grafischen Notationen ein schlechtes Zeugnis aus. Prof. Allweyer berichtet ein weiteres Mal über das Expertentreffen BPM 2011 in Frankreich.  Er schreibt:

Bei den meisten grafischen Notationen seien die damit erstellten Modelle nachweislich ineffizienter als textuelle Beschreibung. Insbesondere für Fachanwender seien die Diagramme sehr schwer verständlich.

… Das Augenmerk bei der Entwicklung von Notationen liege ausschließlich auf der Semantik. Die Wahl der Darstellungsmittel erfolge meist rein intuitiv – man könnte auch sagen: komplett amateurhaft.

Konkreter heißt es dann z.B. für die BPMN, auf die wir ja vor 2 Jahren auch gesetzt haben und mit der Version 7 im letzten Jahr in SAPERION Workflow unterstützen und gleichzeitig auch den Import von Modellen aus dem Process Editor von Signavio ermöglichen:

Semiotische Klarheit bedeutet, dass jedes Konzept durch genau ein Symbol ausgedrückt wird. Gegen dieses Prinzip verstößt etwa die BPMN an vielen Stellen. So gibt es für viele Sachverhalte gleich mehrere Darstellungsmöglichkeiten. Beispielsweise kann eine exklusive Verzweigung entweder durch eine leere Raute, eine Raute mit einem X oder bedingten Sequenzflüssen dargestellt werden. Umgekehrt gibt es auch unterschiedliche Sachverhalte, die auf dieselbe Weise modelliert werden, wie z. B. gerichtete Assoziationen und Datenassoziationen.

Generell ist es Mal eine interessante Kritik an der grafischen Art und Weise einer grafischen Prozessdokumentation. Aber was soll daran schlecht sein, wenn auf intuitiver Basis Symbole gefunden werden, wenn in diesem Findungsprozess weltweit Menschen beteiligt waren. Intuition ist unsere größte Stärke überhaupt, die wir viel mehr nutzen sollten. Ich hatte mal darüber geschrieben, wie uns Intuition in unserer komplexen Geschäftswelt, die nicht berechenbar ist, helfen kann: agiles Geschäftsprozessmanagement durch intuitive Improvisation a la SCRUM.

Auch das Argument, dass wir einen bestimmten Sachverhalt, wie das XOR-Verzweigen auf mehreren Wegen beschreiben können, ist in meinen Augen nicht schlimm. Unsere Sprache bietet ebenfalls große Gestaltungsmöglichkeiten und führt damit immer wieder zu Kommunikationsproblemen. Zudem wird ja auch seitens der Autoren des BPMN Praxishandbuchs empfohlen, sich zu Beginn des Modellierens einen Leitfaden zu verpassen, der Festlegt, was und wie viel der BPMN benutzt werden soll.
Meine inzwischen 19 Jahre Modellierungserfahrungen zeigen, dass ein grafisches Modell eine bessere Möglichkeit bietet, sich schneller einen Überblick über die Ganzheit eines Prozesses zu verschaffen. Aber keine Frage, das Bild allein reicht nie. Es braucht immer auch einen begleitenden Text für die einzelnen Aufgaben. Zudem macht es Sinn, bei zu vielen Ausnahmen von der Regel, diese nur textuell festzuhalten.

Mein Fazit: die Kombination macht´s. Ich für meinen Teil mag die Grafik nicht missen. Das ist immer der erste Weg, mit anderen Menschen ins Gespräch über die Arbeitsabläufe zu kommen. Inzwischen haben wir auch intern sehr gute Erfahrungen mit der Prozessdokumentation über BPMN-Diagramme mit begleitendem Text während unserer ISO 9001 Zertifizierung gemacht, wie berichtet.

Da fällt mir gerade noch ein Artikel ein, den ich über Tangible BPM geschrieben hatte, einer Methode mit vorgefertigten Elementen an Tischen zu arbeiten.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,process management | Tags: ,

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