Jul
18
2010

Überregulierung: An die Stelle einer sozialmoralischen Selbststeuerung tritt die soziale Fremdsteuerung durch Vermehrung von Vorschriften und Gesetzen (Compliance)

Seit meinem ersten Post zum Thema Compliance, Warum man sich um die Einhaltung von Regeln kümmern sollte und nicht wegschauen, entwickelte sich in mir mehr und mehr das Gefühl, dass da frei nach Shakespeares Hamlet “was faul im Staate <irgendeinstaatsname> ist” (O-Ton: “something is rotten in the state of denmark”).

Schon bei meinen Kindern hatte ich festgestellt, dass bei zu strikten und zu vielen Regeln, die sie einhalten sollten, sie weniger kreativ waren, d.h. weniger ausprobierten. Heute morgen bin ich über den Artikel G20: Regulierungs-Chaos nach der Weltfinanzkrise von Prof. Uhlig im online Handelsblatt gestolpert, dessen Inhalt mich den ganzen Tag (heute ist Sonnntag) über gefangen hielt. Er stellt die These auf, dass erst die zuvor festgelegten Regularien die aktuelle Finanzkrise verursachte. Und seine abschließende These ist, dass aufgrund der imensen, komplexen Zusammenhänge ein Regularium nie eine weitere Krisen verhindern können wird.

Quergedacht

Stellt sich mir die Frage, warum wir dann überhaupt nach jeder Krise nach noch mehr Regeln und Steuerung rufen, wenn die nächste Krise doch sowie nicht abzuwenden ist?  Sollten wir nicht die Krise als Teil unseres Lebens begreifen und den Mut haben, aus dieser kreativ und gestärkt wieder hervor zugehen? Wenn wir auf die Überregulierungen verzichten würden, wären sämtliche Waren günstiger. Geben wir zudem denen die Sicherheit , die gerade dummerweise, vermutlich sogar unverschuldet auf der Schattenseite der Krise stehen, dass sie nicht die alleinigen Verlierer sein müssen. Dann sollte, wie von Prof.  Dr. Heinrich Pompey in seinem Artikel Freiheit statt Überregulierung und Überkontrolle festgestellt, sich  die aufgrund der zunehmenden Regulierungen stark verminderte Berufsethik wieder besser stellen. Den Titel dieses Posts habe ich 1:1 aus seiner Schrift auf Seite 4 übernommen.

Der Jurist Wieland Kurzka weist in seiner Abhandlung zur Überregulierung in Deutschland darauf hin, dass allein der Büger 80.000 Bestimmungen beachten muss. Können Sie das? Ich nicht. Dass er von einer “gesetzgeberischen Inkontinenz“ spricht, scheint mir doch sehr einleuchtend. Der Rezensor Michael v. Prollius fasst zum Buch entsprechend zusammen:

“Auf jeden Fall gilt es gegen die Sozialingenieure eine Selbststeuerung in einer offenen Gesellschaft durchzusetzen (213f.) und den zur Beute der Interessengruppen gewordenen Staat, so umzubauen, dass das „Netz der Gesetzesregulierung [nicht länger, MvP] .. die Freiheit des Bürgers [tötet]“

Prof. Pompey erkennt in seiner oben schon erwähnten Schrift den Beginn des Werteverfalls wie folgt: “Die Frankfurter Schule bewirkte praktisch ein Absinken der sozial-altruistischen Werteakzeptanz und damit den gegenwärtigen Werteverfall. Das Handlungsprinzip der Selbstverwirklichung in Verbindung mit dem Prinzip der „political correctness“, das nur an Gesetzen und Vorschriften und nicht an Idealen Maß nimmt, wurde handlungsbestimmend.” Daher also der Hang zum Ruf nach neuen Regularien, weil wieder kreative Köpfe Schlupflöcher in den Gesetzen gefunden haben und ihr resultierendes Handeln nicht zusätzlich gegen ethische Kriterien abglichen?

Bestätigt finde ich auch meine Vermutung, die ich heute in einer Diskussion zum Thema ausgesprochen habe, in der folgenden Passage des gleichen Papiers: “Eine Gesellschaft benötigt nachhaltig wirkende soziale, geistige, politische und wirtschaftliche Leistungseliten. Diese lassen sich nicht durch Eliteuniversitäten produzieren (siehe auch …Moralapostel…) sondern wachsen in sozialverantwortlich ausgerichteten und leistungsbewussten Elternhäusern bzw. durch eine entsprechende Schulkultur (siehe auch …Leitlinien…) und Mediengestaltung.” Besonders die Medien prangert Prof. Pompey an. Es würden überweigend lässig wirkende Sport-Idole, Pop-Idole, Schau-Master-Idole präsentiert, die nur für Fun-orientieres Leben vorbildhaft sein könne. Dagegen sind seit den 68er die bisherigen, tugendhaften Idole, die Heiligen komplett aus dem Bild verschwunden. “Die Vorbildbedeutung von Menschen des öffentlichen Lebens ist, wie z.B. die der Politiker auf 13 % herabgesunken. Lediglich die Eltern haben für 58 % der  2004 in Deutschland befragten Jugendlichen diese Funktion behalten.” Nun bin ich ein 50plus und kann in unseren aktuellen Politikern aber auch nur schwer Vorbilder ausmachen.

Wie mir scheint, sitzen wir in einer Abwärtsspirale gefangen, wenn Prof. Pompey mit seiner Zusammenfassung recht hat:

Die Überregulation ist eine Folge des mangelnden Vertrauens in das sozial-moralische Verhalten der Mitmenschen, der Politiker, der Verwaltungen und der Unternehmen. Die beschriebene Überregulation bzw.  Überkontrolle und die fehlende wie verschwundene sozialmoralische Selbststeuerung nehmen der schöpferischen Kraft und der Revitalisierung der Gesellschaft den erforderlichen Schwung, ja führen zu  Frustration und damit zur Blockierung jedweder sozialen Kreativität. Auf einen kurzen Nenner gebracht: die fehlende sozial-moralische Selbststeuerung der Gesellschaft bewirkt Überregulation und  Überregulation lähmt die Kreativität und Produktivität sozialer wie ökonomischer Leistungen.” Und da weder unsere Politiker noch die oberen Kirchenvertreter sich dieses Zusammenhangs bewusst sind, könnte es noch ein Weilchen so bleiben.

Auf der anderen Seite sehe ich besonders in der Wissenschaft den Beginn des Umdenkens. Wissenschaftler haben 2009 das Manifest Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft verfassst und unterschrieben. Ich würde mir wünschen, dass noch Viele folgen, nicht nur mit der Unterschrift sonder im Geist und Handeln. Vielleicht brauchen wir dann eines Tages keine teure Erstellung von weiteren Regularien und ein daraus resultierendes Compliance Management mehr, zumindest kein so kostenintensives.

So lange wir uns überregulieren, ist es für alle Unternehmer kostengünstiger, sich um das Compliance Management zu kümmern und ein internes Kontrollsystem einzurichten.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , ,

4 Comments »

  • Ich stimme Dir in einem Punkt nicht zu: dass zu viele Regeln bei Kindern zu weniger Kreativität führen. Meine Erfahrung ist das Gegenteil, zu jeder Regel wird eine neue Methode gefunden, sie zu umgehen. Genau das gleiche letztlich, was in der Gesellschaft passiert.
    Regeln sprechen den Einzelnen frei von der Pflicht, selbst zu denken, zu hinterfragen. Der Einzelne ist nicht mehr gefordert, die soziale Verträglichkeit zu beurteilen, wenn er denn ein Gesetz findet, dass sein Tun legitimiert.
    Dabei ist es so einfach: Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit zum allgemeingültigen Gesetz werden könnte. Oder anders: Frage Dich immer, ob Dein Vorgehen auch dann noch richtig ist und für die Gesellschaft funktioniert, wenn es alle so tun würden (wenn ich allein meinen Müll aus dem Autofenster schmeiße, mag das noch Gehen, aber wenn es alle Autofahrer immer machen?). Mit dieser einen Regel von Kant erschlägt man den Großteil aller Gesetze.
    Ich bin daher ganz bei Martin und finde es auch extrem wichtig, Ethik und Normen zu vermitteln. Auch wenn es unsere Compliance-Lösungen (hoffentlich) irgendwann einmal nutzlos macht.
    Allerdings muss ich auch eingestehen, dass mein dreieinhalb jähriger Sohn den Satz von aKant noch nicht ganz durchdrungen hat, zumindest in seiner Reinform…

    Comment | 18 July 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Weitere Diskussion in Xing ECM und PBM angestoßen sowie im BPM-Netzwerk.

    Comment | 19 July 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Wo wir mit der Überregulierung hinkommen, zeigt eine Geschichte in England. Dort wurden Eltern als Helden gefeiert, weil sie ihre kleinen Kinder entgegen allen Sicherheitsregeln mit dem Fahrrad allein zur Schule fahren lassen:
    http://www.stern.de/panorama/very-british-ein-deutscher-held-in-london-1581556.html

    Comment | 21 July 2010
  • Compliance wird von Unternehmen und Organisationen als Gefahr, Bedrohung und komplex angesehen. Damit wird der guten alten “Kaufmannsehre” nicht Recht getan. Ihre im Blog sehr klare Positionierung zur “Überregulierung” macht dies deutlich. Dass eine ganzheitliche Compliance genau den gegenteiligen Anspruch haben kann, können Sie aus den von uns verfassten Grundsätzen ganzheitlicher Compliance entnehmen.

    Der Unterschied zu anderen Positionen zur Compliance lässt sich durch den einfachen Satz ausmachen. Ganzheitliche Compliance besteht aus einer einzigen Regel: Alle bestehenden und im Unternehmen anerkannten Regeln sind einzuhalten.

    Ganzheitliche Compliance ist demnach kein zusätzliches Regelwerk, sondern die gemeinsame Zustimmung aller Personen im Unternehmen, die bestehenden Regelwerke tatsächlich einzuhalten.

    Die mit Rechts- und Prüfungsaufgaben befassten Unternehmen und Kanzleien sehen üblicherweise hierzu im Gegensatz den Aufbau einer weiteren Parallelorganisation im Unternehmen, mit Stabsstellen und Revisionsaufgaben als Lösungsweg. Dabei kommt es sehr häufig zu Dopplungen. Dies mag besonders am Beispiel von internen Kontrollsystemen IKS und Qualitätsmanagementsystemen gelten. Aus diesem Grund erleben wir in Unternehmen, dass der bewusst einfache Ansatz der Selbstverpflichtung zur Regeleinhaltung erfolgreicher sein kann.

    Comment | 17 August 2010

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