Jun
06
2010

Verzaubert Lena die Welt, weil sie dem neuen Typ Mensch entspricht, den Carl R. Rogers als neuen revolutionären Keim in unserer Gesellschaft schon 1980 prognostizierte?

Carl R. Rogers

Carl R. Rogers

Es ist mal wieder etwas später geworden, aber die Musik unseres dörflichen Feuerwehrfests dröhnt noch so laut in mein Zimmer, dass an Schlaf noch nicht zu denken ist und ich mir daher noch mein neues Thema vorgeknöpft habe: der Mensch mit einer intrinsischen Motivation sich zu vervollkommnen. Ich hatte da ja auch schon gestern einen ersten Bezug zu geschaffen, denn auch Prof. Gunter Dueck hatte von ihm gesprochen.

Ausgehend von der Web-Site Self-Determination Theroy habe ich versucht, ob es dazu neben Wikipedia-Artikeln auch andere in Deutsch geschrieben Texte gibt und bin durch Zufall auf die Seminararbeit von Andreas Kreuzinger  gestoßen, die auf mich sehr motivierend wirkte. Er hat über Carl R. Rogers, Begrün­der der Personenzentrierten Gesprächspsychotherapie und seine Ansage „Die Macht dem neuen Menschen und der Revolution, die er in sich trägt“ geschrieben.

Besonders die Auflistung, was den neuen Typ Menschen ausmacht, der unsere Gesellschaft “hoffentlich” von innen heraus weiter zu einer besseren Gesellschaft führe wird, hat es mir angetan. Ich musste hier spontan an Lena denken, der mir diesen Typ zumindest in Punkto Authentizität zu entsprechend scheint. Sie war die einzige Künstlerin beim “Eurovision Song Contest”, die nur sich selbst darstellte und auf alle anderen Schnörkel verzichtete. Auch die folgenden Interviews waren erfrischend ungekünstelt. Was hat aber nun Herr Rogers in dem  neuen Typ Menschen unter uns gesehen?:

— Beginn des Auszugs aus der Simanrarbeit —-

Der Wunsch nach Authentizität

Der neue Mensch legt größten Wert auf Authentizität. Damit ist gemeint, daß er in der Kommunikation mit anderen Menschen danach strebt, aufrichtig und ehrlich ih­nen ge­genüber zu sein. Dabei spielen für ihn Gefühle, Gesten, Sprache und Körper­bewegung eine gleichrangige Rolle und vermitteln demzufolge die gleiche Botschaft.

Aufgewachsen in einer Kultur der Heuchelei, der doppelbödigen Botschaften, der vor­sätzlichen Täuschung durch Eltern, Lehrer, der Wirtschaft und auch der Politiker, strebt er nun danach, interpersonale Beziehungen herzustellen.

In diesen interpersonalen Beziehungen ist die Kommunikation echt und offen, nicht vorgetäuscht und doppelsinnig. Dabei macht er große Fortschritte im Hinblick auf sei­ne Offenheit etwa sexuellen Beziehungen gegenüber. Er muß kein geheimes Doppell­eben führen. Auch mit seinen Ansichten, was z. B. die politischen, pädagogi­schen, di­daktischen Einstellungen betrifft, „hält er nicht hinterm Berg“. Er tut seine Mei­nung of­fen kund, anstatt nur den Eindruck zu erwecken, er würde, da er still ist, zu­stimmen. Er kann mit Konflikten umgehen. Er kann in Situationen zu seiner Über­zeugung, zu sich selbst stehen, in denen Andere schweigen, sich selbst und ihre Überzeugungen ver­leugnen würden.

In all diesen Beziehungen ist der neue Mensch also echt – er ist er selbst.

Institutionen sind für den Menschen da

Der neue Mensch ist der Überzeugung, daß Institutionen für den Menschen – und nicht umgekehrt – da sind.

Er hat eine Abneigung gegen alle hochstrukturierten, unflexiblen und bürokratischen Einrichtungen. Dies gilt z. B. für die Kirche, die Politik, dem Militär, Wirtschaft und Schule. Selbst die Ehe wird als Institution angesehen. Er sieht nicht ein, daß Regeln der Regeln willen, die Form der Form willen und Befehle der Befehle willen ausge­führt werden müssen. Er stellt ihre formale Struktur in Frage, sieht nicht ein, ihr zu folgen, wenn sie veralteten Wertvorstellungen entsprechen und / oder keinem huma­nen Zweck dient. So stellt er außerdem ihre Starrheit in Frage, denn da er sich stets in ei­nem Prozeß der Veränderung befindet, müßten sich die Institutionen doch eben­falls in ei­nem stetigen Prozeß der Veränderung befinden, wollten sie zum Nutzen des Men­schen sein und nicht stetig den Bedürfnissen des Menschen „hinterher hinken“. Wie verhält sich der neue Mensch nun aber in den Institutionen und ihnen gegen­über und welche Tendenzen sind beispielsweise erkennbar?

Ehe sich diese Menschen einem Diktat unterwerfen, welches ihnen bedeutungslos er­scheint, verlassen z. B. Professoren die Universität, leitende Angestellte die Firma, Priester und Gläubige die Kirche. Sie alle stehen zu ihrer Einstellung und leben sie auch aus. Die Ehe, als Institution betrachtet, wird von vielen Paaren aufgegeben oder nicht als Ritual mit rechtlichen Folgen vollzogen. Denn man glaubt, daß eine ehe­ähnliche Beziehung (homo- oder heterosexuell) nur dann Be­deutung hat, wenn ge­genseitiges Vertrauen und gegenseitige Liebe vorhanden ist, nicht lediglich eine alte Zeremo­nie zur Geltung kommt, „gesegnet“ von Kirche und Staat. Diesen überholten traditio­nellen Regeln mißt man einfach keine Bedeutung mehr bei.

So ist letztendlich eine Tendenz zu beobachten, hin zu kleinen, informellen, nicht hier­archischen Gruppen. Freie Schulen und Kindergärten werden gegründet, ehema­lige leitende Angestellte gründen eigene kleine Unternehmen, Wohngemeinschaften wer­den gegründet. Ihnen ist gemein, daß sie alle in Beziehungen existieren, die di­rekt und unmittelbar, also persönlich und von ihrer Struktur und Autorität her ihren Beziehun­gen untergeordnet sind. Ihr Gemeinschaftssinn, nicht Autorität oder Starr­sinn, ist stark ausgeprägt.

Andere Menschen versuchen, die Institutionen von innen her zu humanisieren, zu re­formieren. So werden beispielsweise sinnlose Regeln mißachtet. Gemeint ist aber auch, daß in Firmen und Fabriken (teilweise unterstützt durch deren Leitung) kleine Teams gebildet werden, in denen versucht wird, gemeinsame Lösungsmöglichkeiten, für Probleme im Produktionsablauf etwa, zu erarbeiten. So können die „niedrigge­stellteren“ Angestellten und Arbeiter auch zeigen, daß sie nicht lediglich ein kleines Rad im Ge­triebe der Institution darstellen, welches nur zu funktionieren hat. Sondern gleich­zeitig drücken sie so aus, daß sie selbstgesteuerte Menschen mit eigenen Ideen und vielleicht sogar besseren Lösungsvorschlägen sind.

Auch in der Politik neigen mittlerweile manche dazu einen humaneren Ansatz (wie et­wa die Partizipation des Bürgers), zu formulieren. Sie sehen ebenfalls ein, daß die In­stitutionen mehr zum Bürger hin geöffnet werden müssen. Dies setzt aber gleich­zeitig voraus, daß die Politiker es auch zulassen, sich selbst nach außen (und nach in­nen) hin zu öffnen. Dies würde bedeuten, daß sich ein authentischer Mensch (nicht Politi­ker) dem Bürger öffnen und so auch die Unterstützung seiner Wähler suchen würde. – Unschwer sich vorzustellen, daß er diese Unterstützung erhalten würde.

Bedeutungslosigkeit materieller Dinge

Der neue Mensch ist zwar in einer Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen und ist dem­zufolge auch daran gewöhnt, deren Errungenschaften und Bequemlichkeiten zu nut­zen. Dies alles spielt aber eine sekundäre Rolle in seinem Leben, er ist nicht auf sie an­gewiesen. Geldanhäufung, materielle Statussymbole, und Luxus sie sind nicht seine Haupt­ziele, sie sind ihm gleichgültig. Der neue Mensch verwendet sein Geld für kon­struktive persönliche und soziale Zwecke und versucht so, sein Leben für sich persön­lich sinnvoller zu gestalten.

Nicht-moralisierende Besorgnis

Der neue Mensch hat den Wunsch, sowohl anderen, als auch der Gesellschaft zu hel­fen. Er ist zutiefst mißtrauisch gegenüber „professionellen Helfern“, wie z. B. Psych­iatern und Sozialarbeitern. Diese nehmen zum Einen Geld für ihre Hilfe und zum Ande­ren verstecken sie sich hinter einer professionellen Fassade. Er lehnt die dia­gnostizierende, wertende, interpretative, strafende und auf Vorschriften beruhende Hilfe ab.

Der neue Mensch hingegen, hilft freiwillig und ohne dafür Geld zu verlangen. Er hilft in spontanen Notsituationen. Dabei engagiert er sich, ohne sich aufzudrängen, ohne Moral zu predigen, ohne zu belehren und ohne Vorwürfe zu machen. Der Mensch, dem geholfen wird, wird respektiert.

Der Wunsch nach Intimität

Der neue Mensch sucht nach neuen Formen der Gemeinschaft (außerhalb von Fami­lie und Verwandtschaft), die ihm Nähe, Intimi­tät und Gemeinsamkeit bieten können. In ihnen sucht er neue Formen der Kommunikation, verbal, nonverbal, emotional und in­tellektuell.

Er ist sich bewußt, daß er aufgrund unserer mobilen Gesellschaft nicht lange in ei­ner Gemeinschaft verbringen kann, weshalb er imstande sein muß, schnell intime, kom­munikative und persönliche Kontakte zu knüpfen. Genauso muß er imstande sein, die­se Gemeinschaft ohne heftige Konflikte oder Trauer wieder aufgeben zu können, um ei­ne neue aufzubauen. (Vgl. auch Sennett, R.: Der flexible Mensch 2000 – Hier wird diese weitreichende Problematik unserer kapitalistischen, mobilen Gesellschaft meines Erachtens sehr gut dargestellt.)

Skepsis gegenüber der Wissenschaft

Der neue Mensch hat ein tiefes Mißtrauen gegenüber einer kognitiv orientierten, ab­strahierenden Wis­senschaft und einer Technologie, die sich dieser Wissenschaft be­dient, um dadurch Mensch und Natur zu erobern, zu beherrschen und zu mißbrau­chen.

Er glaubt, daß eine Wissenschaft auch Gefühle mit einbeziehen muß. Diese Wissen­schaft sollte humanistischen Zwecken dienen. Hierfür setzt sich der neue Mensch auch ein. Zudem zeigt er Interesse an „al­ten Wissenschaf­ten“. Aber auch moderne Erkennt­nisse und Techniken zur Erweiterung der Selbstwahrnehmung und zur Ver­haltensänderung werden praktiziert.

Man kann also nicht sagen, daß der neue Mensch dem allgemeinen Fortschritt gegen­über verschlossen wäre. Auch er strebt nach der Wahrheit, der Erkenntnis und der Vervollkommnung. Er ist ebenfalls auf der Suche nach einem Sinn, aber ohne fertige Antworten. Dabei ist er bemüht, immer mehr über seine äußere und innere Welt zu er­forschen und zu erschließen.

Die innere Welt

Der neue Mensch ist ein bewußter Mensch. Er hat den tiefen Wunsch, seine innere Welt zu erforschen. Er ist bereit, sich selbst wahrzunehmen, seine eigenen Gefühle und Stimmungen. Dabei ist er fähig, mit sich selbst frei und ohne Furcht zu kommu­nizieren. Im Gegensatz zu früheren Generationen ist seine Hemmschwelle, eventuel­le Verdrän­gungsprozesse im Bewußtsein auszuloten, viel geringer.

Er ist davon überzeugt, daß es noch viele unentdeckte Bereiche und Möglichkeiten im Menschen gibt, die zu erschließen es einer Offenheit hin zu einer Vielzahl von weite­ren Ge­bieten, Methoden und Haltungen der Bewußtseinserweiterung benötigt.

Im Gleichklang mit der Natur

Der neue Mensch respektiert die Natur und lernt, mit ihr im Gleichklang zu leben. Ihre Eroberung, Verpestung und Zerstörung ist ihm zuwider.

Eine Person in der Entwicklung

Der neue Mensch befindet sich in einem steten spontanen, lebendigen und auch risi­kofreudigen Prozeß. Sein Leben, mit all seinen Vorlieben und Abneigungen, ist abenteu­erlustig und leidenschaftlich. Da er sich also ständig selber weiterentwickelt, kann er auch nicht verstehen und einsehen, daß alles andere um ihn herum beim Al­ten bleiben muß: die gesamten Symptome, die bereits im letzten Kapitel genannt wurden, müssen sich ändern. Dazu will der neue Mensch beitragen – und zwar sofort.

Die innere Autorität

Der neue Mensch vertraut seinen eigenen gewonnenen Erfahrungen und mißtraut so­mit jeder äußeren Autorität. So kann ihn niemand von etwas überzeugen, was er nicht aus seiner eigenen Erfahrung gewonnen hat. So kommt es, daß er sich oft unge­horsam gibt, wenn ihm z. B. Gesetze unvernünftig und ungerecht erscheinen. Die Folgen, die sich für ihn daraus ergeben, nimmt er billigend in Kauf.

Hier weiß sich der neue Mensch nicht allein, gibt es doch tausende, die z. B. den Kriegsdienst verweigern, die für ihr Anliegen auf die Straße gehen. Sein moralisches Urteil, seine Fähigkeit, durch gewonnene Erfahrungen Falsches von Richtigem zu un­terscheiden, dessen ist er sich bewußt – bewußt, seiner inneren Autorität zu ver­trauen.

— Ende des Auszugs aus der Simanrarbeit —-

Das Fazit von Rogers Lebenswerk ist: Wenn ein Menschen sich in der passenden Umgebung befindet, so wird er sich von selbst zum Besseren verwirklichen wollen. Belohnungen oder Bestrafungen sind dagegen kontraproduktiv oder nur kurzfristig förderlich.

Die Seminararbeit wurde 2000 geschrieben. Nun sind wir 10 Jahre weiter. Mein Gefühl sagt mir, dass doch schon eine Reihe neuer Menschen unter uns sind. Leider ist der Prozess der leisen Revolution in die Institutionen hinein wohl doch ein etwas längerer. Zumindest in Deutschland ist die Politikmüdigkeit noch nicht in mehr Beteiligung des Bürgers umgemünzt worden. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass wir zu einer besseren Gesellschaft, die es geben sollte (siehe Ou Topos von Heiner Geißler), kommen werden. Vielleicht hat Lena mit ihrer authentischen Art bewirkt, dass wir weg kommen von der Volksverdummung a la DSDS und Next Topmodell und wieder mehr von der breiten gesellschaftlichen Mitte sehen. Bleibt zu hoffen, dass sie so bleibt und der Rummel sie nicht verbiegt.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: company,deutsch,language | Tags: , , ,

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