Nov
26
2011

Vom Status Quo der Standards im Geschäftsprozessmanagement

Wende in Deutschland

Wende in Deutschland

Ich war vorgestern zum 4. Mal meine beiden Vorträge Standardisierungsbestrebungen im Geschäftsprozessmanagement und Modellierung mit SAPERION ECM Workflow vor Studenten der Falkutät für Wirtschaftsinformatik an der Universität Leipzig halten. Prof. R. Rainer Alt und sein Mitarbeiter Christian Hrach hatte mich vor drei Jahren das erste Mal eingeladen, u.a. weil er meine Artikel, die ich über die Standards im BPM-Netzwerk veröffentlicht hatte, entdeckt hatte und deren Inhalte er in seine Vorlesung mit  einbauen wollte. Inzwischen läuft auch die erste Masterarbeit mit uns zusammen im Kontext von SAPERION ECM Workflow un Microsoft SharePoint. Der Student Markus Hiller wird demnächst ebenso regelmäßig berichten, wie dies zuvor unsere Christen Mummert (inzwischen Mitglied unseres Prooduktmanagements) mit ihrer Artikelserie (IKS-Serie) gemacht hat.

Vor der Vorlesung hatte ich auf meinem Weg vom Hauptbahnhof  zur Uni einen Moment der Besinnung. Als “Wessi” sprach mich  das bunte Bild an der Hauswand besonders an, rief es doch eine Reihe von bangen Erinnerungen an Momente in mir wach, die ich zur Wendezeit 1989 hatte. Damals ging so mancher meiner Gedanken an meine Verwandten (Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins) in Rostock. Ich war das letzte Mal 1987 bei Ihnen zu Besuch und bemerkte damals schon, wie sich die Menschen über ihre Regierung begannen lustig zu machen.

Und wie ich dort in Gedanken stand, sagte neben mir ein weiterer Fotograf: “Kaum sind 20 Jahre rum, und man hat den Eindruck, dass es schon wieder so weit ist.” Er spielte wohl auf die Occupy Bewegung an, die seit einigen Wochen auch in Deutschland ihre Empörung über so manches, was während der aktuellen Krisen an wenig glücklichen, politischen Entscheidungen gefallen sind, formulieren. Und irgendwie beschlich mich dann noch ein Déjà-vu-Gefühl: machen sich nicht inzwischen die Menschen über das Gewurschtele unserer Regierung lustig.

Aber lange konnte ich diesen Gedanken nicht nachhängen, denn ich hatte ja gleich noch gute 3 Stunden am Stück den Studenten einige interessante Dinge mit auf den Weg zu den nächsten Klausuren zu geben.

Wer meine Artikel zu den relevanten Standards im Hinblick auf die systemgestützte Ausführung von Geschäftsprozessen gelesen hat (2005, 2006, 2009, 2010), der hat einen kleinen Vorteil zu den folgenden Ausführungen, die ein Update zu den darin enthaltenen Informationen darstellen.

Warum hatte ich mich überhaupt 2006 mit dem Thema so intensiv auseinandergesetzt? Nun, als Verantwortlicher für das Thema Workflow bei uns im Hause wurde immer häufiger die folgende Frage an mich gestellt:

Können Sie die bei uns mit dem Tool XYZ gemalten Geschäftsprozesse in ihre Workflow Engine zur Ausführung importieren. Wir würden nun gerne die dokumentierten Prozesse auch ausführen lassen.

Das es damals zu viele unterschiedliche Prozessmodelle gab, hätte man für jedes der Modell einen eigenen Import schreiben müssen. Daher hatte ich empfohlen, noch zu warten, bis sich einer der Standards duchzusetzen beginnt. Also habe ich beobachtet, wie sich der Markt hier entwickelt.

Sehr hilfreich war damals eine Arbeit von Michael zur Mühlen, in der er Bild mit einer historischen Darstellung zeigte, wie sich bestimmte Standards bis 2006 entwickelt hatten. Dieses Bild habe ich etwas umgestaltet und jährlich ein Update für die Vorlesungen bzw. die Artikel gemacht. Hier ist nun das aktuelle Bild:

Relevante BPM-Standards

Relevante BPM-Standards

In Kürze das Wichigste:

  1. Die OMG hat im Januar 2011 die Version 2.0 der BPMN freigegeben, mit der nun auch das Speichern der Modelle möglich ist und damit auch der Austauschbarkeit (Interoperabilität) zwischen den unterschiedlichen Tools. Diese Austauschbarkeit war dann für uns das Signal, den Import hierfür anzugehen, denn die BPMN hatte sich inzwischen zumindest als Malwerkzeug weltweit etabliert.
  2. Das bisher genutzte Austauschformat XPDL, deren Spezifikation von der Workflow Management Coalition gehostet wird, wartet aktuell auf eine Anpassung für die BPMN 2.0. Wir dürfen gespannt sein, ob da noch was kommen wird, wo doch die BPMN 2.0 ein eigenes Format besitzt. Das letzte Update stammt aus 2008.
  3. Die bisher am weitesten verbreitete Prozessausführungssprache BPEL stammt auch noch aus 2007. Entweder ist die Spec so gut gewesen, dass nichts mehr gebraucht wird, da kein Update mehr zu sehen war. Oder die Firmen haben sich auch hier eher auf die BPMN 2.0 gestürzt, denn das Speicherformat enthält ja nun auch eine Sektion für die Ausführung der Prozesse durch eine Engine.
  4. Die Standard BMM, SBVR und OSM, die rund um die BPMN noch von der OMG vorangetrieben werden sollten, scheinen allerdings eher auf Eis zu liegen, denn viel zu sehen war von ihnen seit 2008 nichts mehr. Und gerade das OSM für die Beschreibung von Aufbauorganisationen fände ich sehr hiflreich.
  5. Weiterhin lebhaft entwickelt wird die UML bei der OMG. Die vielen Diagramme zur Unterstützung in der Entwicklung von Software scheinen doch gut angenommen zu sein.
  6. Bersonder aufmerksam zu beobachten ist weiterhin das CMPM = Case Management Process Modeling, das ebenfalls bei der OMG gehostet wird. Diese Modellierung wird sich um 65% unstrukturierten, sprich mehr “wuseligen” Prozesse kümmern, wo meist der übernächste Schritt nicht klar ist, aber dennoch viele mögliche Aufgaben nach Bedarf anfallen können. Die Idee ist es, das CMPM in das BPMN zu integrieren. Anders würde auch irgenwie keinen Sinn machen ;-)

Ein wichtiger Aspekt der Modellierung ist die des Round-Trip Engineerings, sprich der Unterstützung des Kreislaufs von Modellieren, Implementieren, Ausführen inkl. Monitoren sowie der Analyse für die Optimierung, um wieder von vorne zu beginnen. In diesem Kreislauf sind wechselnd die Organisatoren und Anwender währen der Modellierung und die IT mit der Implementierung unterwegs.

Mein Fazit zum BPM Round-Trip Engineering ist, dass mit der BPMN 2.0 wir einen großen Schritt weitergekommen sind. Wir konnten das Zusammenspiel mit dem Modellierungswerkzeug unseres Partners Signavio und unserer Workflow Engine mittels der BPMN 2.0 aufzeigen. Unser ersten Kunde ist damit auch schon live gegangen. Jedoch hat sich auch gezeigt, dass 2 Dinge noch gebraucht werden:

  1. BPMN 2.0 ist gut beim Orchestrieren von Prozessen, jedoch fehlen eine Reihe nützlicher Attribute, die für die Human Workflows gebraucht werden. Dies lässt sich daran erkennen, dass Signavio eine Reihe von SAPERION Attributen in ihren Process Editor für uns eingebaut hat, die dem Standard fehlen, den Anwendern aber das Arbeiten deutlich erleichtern (siehe Signavio Integration und unsere 9 BPMN Requests).
  2. Die Sicht der Anwender und der IT-Engineers auf einen Prozess ist sehr unterschiedlich. Währen der eine sehr detaillierte Aufgabenketten darstellt, möchte der andere mehr technische Aspekte sehen. Was den Modellierungswerkzeugen für eine bessere Akzeptanz für die Anwender helfen, ist das Angebot der beiden unterschiedlichen Sichten darauf.

Was den Studenten gut gefallen hatte, war unser Konzept der 100% Modellierung in Signavio, so dass kein Nacharbeiten in SAPERION notwendig ist. Andernfalls müssten bei Änderungen des Prozessen an zwei Stellen zu pflegen sein. Übrigens kannten die Studenten nun inzwischen auch hier Signavio´s kostenfreie SaaS Plattform für Akademien, was im letzten Jahr noch nicht der Fall war :-)

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,process management | Tags: , , ,

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