May
15
2011

Warum der rational denkende Nutzenmaximierer immer mehr zum ökonomischen Mythos wird

Dan Ariely trägt vor

Dan Ariely trägt vor

Ich hatte das Thema, dass unsere Ökonomen seit Jahrzehnten vermutlich ein falsches Bild vom Menschen als Homo Oeconimcus lehren, in dem Artikel Wird unsere alte Wirtschaftsreligion nach und nach widerlegt? Ist der Mensch doch kein reiner Nutzenmaximierer? schon einmal aufgegriffen. Ich habe heute den spannenden Artikel Dan Ariely – Die Logik der Unvernunft von Susanne Rytina im Focus Online gefunden, der Experimente des amerikanischen Verhaltensökonoms aufgreift, deren Ergebnisse dringend zum Umdenken in unserer Ökonomie bewegen sollten. Einige Thesen von Dan Ariely sind:

Der Mensch handelt irrational und die Vernunft ist eine Illusion … Wir Menschen halten uns zwar für unglaublich vernünftig, sind es aber mitnichten … Wir sehen die Dinge um uns herum immer im Verhältnis zu den anderen … Würden sich Unternehmen an sozialen Normen orientieren, würden sie feststellen, dass diese Normen Loyalitäten erzeugen und – noch wichtiger – die Mitarbeiter motivieren.

Gerade das Thema Motivation ist ja eines, wo unsere Wirtschaftswissenschaftler den Menschen als Nutzenmaximierer in die Ecke des Grundfaulen stellen, der nur durch Peitschen oder Zückerli aus seiner Lethargie zu holen ist (siehe X-Y-Theorie). Da zeigt gerade dieses Experiment, dass besonders Vertrauen und Loyalität die Motivation für Engagement wichtig sind:

Bei einem weiteren Experiment forderte Ariely drei Studentengruppen auf, eine sehr langweilige Sache zu erledigen – eine Art Akkordarbeit am Computer: Sie sollten einen Kreis auf der linken Seite des Bildschirms auf ein danebenstehendes Quadrat nach rechts ziehen. Sobald dies gelungen war, verschwand der Kreis und ein neuer erschien, den es ins Eckige per Mausklick zu transportieren galt. Die erste Gruppe erhielt 50 Cent pro Kreis, die zweite Gruppe zehn Cent und bei einer dritten Gruppe wurden die Studenten gefragt, ob sie ihrem Professor nicht einen Gefallen für einen wichtigen Versuch machen könnten. Das Ergebnis: Die besser Bezahlten zogen 159 Kreise im Schnitt hinüber, die schlechter Bezahlten nur 101 Kreise. Die Überraschung: Die Selbstlosen schnitten am besten ab mit 168 Kreisen. Die Hilfsbereitschaft schien in diesem Experiment mehr zu motivieren als das Geld. Dieses Phänomen beobachtet der Psychologe auch am Beispiel Open-Source-Software. „Wenn Sie bei Linux und anderen Gemeinschaftsprojekten ein Problem mit Ihrer Software in eines der Foren einstellen, wird schnell jemand reagieren und unter Opferung seiner Freizeit dieses Problem beheben. Ein Dienst, der womöglich ein Vermögen kosten würde, wenn man jemand damit beauftragte.“

Ich denke, dass dieses Verhalten eines ist, dass uns Menschen überhaupt erst ermöglicht hat, uns so überlebensfähig zu machen. Gegenseitiges Helfen im Vertrauen darauf, dass einem selbst geholfen wird. Kooperation macht stark. Und ohne dass Bezahlung ein relevanter Aspekt wäre. Im Kleinen, in unseren Teams greift diese Verhalten auch. Extrem hat dies in diesem Jahr die junge Dortmunder Fußballmannschaft immer wieder aufgezeigt, mit dem Resultat, dass sie gestern die Schale gewonnen haben. Diese jungen Talente ohne den sonst so typsichen Leitwolf haben im Vertrauen darauf, dass in der nächsten kritischen Situation ein Teamkollege auch einspringen wird, sich in die Breschen geschlagen. Dabei ist keiner als Held herausgehoben worden. Es ging um das kooperierende Team.

Dan Ariely weist auf ein weiteres interessantes Experiment hin, dass uns zeigt, wie wenig genau wir Situationen erfassen können und damit wenig rational sein können. Lasst Euch überraschen:

Und noch einen weiteren kritischen Punkt führt er an. Wenn wir aufgewühlt sind, und das kennt Jeder von uns, z.B. wenn man sioch über den Chef oder einen Kollegen geärgert hat und gleich ein E-Mail raushauen will. In solchen Momenten rät er, lieber die Mail erst einmal in den Entwurfsordern zu speichern und drüber zu schlafen. Im abgekühlten Zustand sieht das dann wieder ganz anders aus. Das Experiment dazu ist schon etwas ungewöhnlich:

Ariely befragte Jugendliche im „kalten“, emotionslosen Zustand nach moralischen Entscheidungen, wie zum Beispiel Sex ohne Kondom, oder Sex mit einer Person, die man nicht ausstehen kann, oder nach Fesselpraktiken. Im unaufgeregten Zustand ohne große Emotionen nahmen sie überwiegend die Standpunkte ein, dass dies für sie keinesfalls infrage komme. Zwei Tage später im erregten Zustand beim Masturbieren wurden Sicherheitsaspekt, Zurückhaltung und Moral in den Wind geschossen.

Susanne Rytina schreibt zusammenfassend:

Ariely fordert daher eine ökonomische Theorie, die auf dem tatsächlichen Verhalten der Menschen beruht. In vielen, erstaunlich einfachen und amüsanten Experimenten belegt Dan Ariely, dass der Mensch keinesfalls von rationalem Verhalten gesteuert wird und Fehler damit die Regel, nicht die Ausnahme sind.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,process management | Tags: , , ,

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