Apr
30
2010

Was hat denn der Bau der Berliner Kanalisation in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Compliance zu tun?

Die stinkenden Rinnsteine Berlins waren im Winter gefroren und damit eine Gefahr für Fußgänger (Heinrich Zille, 1902) Abbildung: Heinrich-Zille-Museum

Nun, die Antwort ist eigentlich trivial, wenn man sich die folgende Frage stellt:

Warum geben wir uns Gesetze, Regeln, Richtlinien oder Standards?

Damit unsere Gesellschaft überlebensfähiger wird, und das ganz im Sinne Darwins Theorie: der Fitteste wird überleben. Auf die Idee, den Bau von Kanalisationen als eines der krassesten, aber dafür plastischsten Beispiele für den Sinn von Compliance anzuführen ist mir vorhin beim Joggen eingefallen. Warum ich mich gerade beim Laufen durch den Wald an einen Bericht über das übelriechende Berlin des 19. Jahrhunderts erinnert habe? Kann ich mir keinen Reim drauf machen.

Den Bericht hatte ich in einem der Geschichtsbücher (mein Hobby) vor einigen Jahren mit Ekel aber auch Begeisterung gelesen. Ekel ob der Vorstellung, selbst  in einem solchen Milieu leben zu müssen (Gut, dass wir im 21. Jahrhundert leben! Für alle, deren Kinder unseren aktuellen Lebensstandard nicht zu schätzen wissen, empfehle ich diesen ausführlichen Beitrag zur Lektüre zu geben: Die Entstehung der Berliner Kanalisation), Begeisterung ob der Einsicht der Herrschenden, dass die Verbesserung der Hygiene allen hilft.

Rudolf Virchow gemalt von Hugo Vogel 1861

Rudolf Virchow gemalt von Hugo Vogel 1861

Es hatte sich ziemlich schnell gezeigt, dass Rudolf Virchow (aufgrund vieler Innovationen für Berlin wurde er 1991 deren Ehrenbürger) mit seinen Annahmen Recht hatte. Mit Zunahme des Ausbaus der Kanalisation senkte sich die Sterblichkeitsrate deutlich. Sehr zum Wohle der Arbeitgeber, die länger von der Arbeitskraft ihrer Arbeitnehmer profitierten, und die Stadt, die mehr Steuern einnahm. Dass der damalige Zustand, verursacht u.a. durch den immensen Bevölkerungszulauf, definitiv nicht mehr haltbar war, zeigt die hohe Investition der Stadt, wurden doch über viele Jahre ein Drittel des städtischen Haushaltsbudgets für die Optimierung der Hygiene ausgegeben. Und weil dies ein offensichtlicher Erfolg war, haben andere Großstädte wie Moskau, Kairo, Alexandria und Tokio, das Berliner Kanalsystem kopiert.

Diese Geschichte zeigt uns deutlich, wie wichtig das Aufstellen von Regeln und Standards und deren eigenmotivierte Einhaltung ist, um Missstände zu beseitigen und davon gleichzeitig von den resultierenden Innovationen zu profitieren.

Ist zwar eine andere Geschichte, aber auch hier geht es um Regeln, diesmal um deren notwendige Anpassung:

Schon lange vor der Zeit der Kanalisierung hatte man in deutschen Landen erkannt, dass sich gerade die Investition in die Ausbildung unserer Jugend lohnt (ohne den neuen Bildungsstand in Preußen wären die Ideen von Rudolf Virchow vermutlich sehr viel später gekommen).  Nicht umsonst hatte sich Deutschland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich stärker als die meisten anderen Länder in der Welt entwickeln können (auch wenn es zum tragischen Größenwahn führte). Schade, dass diese Einsicht (nicht der Größenwahn) nicht mehr gegeben ist. Resultate sind die Pisa-Studien und der 3-fach höhere Krankenstand der Lehrerschaft gegenüber den anderen Berufen. In einem Bericht bei 3sat.online lässt sich lesen”… man kommt aus der Uni raus, theoretisch passiert nichts, man bekommt Unterrichtsmethoden vermittelt, die vor 30 Jahren funktionierten, die aber nicht mehr aktuell sind.” Mir scheint, dass unsere Gesellschaft hier dringenden Nachholbedarf hat, die alten Regeln endlich anzupassen, um

  1. den Krankenstand zu reduzieren und damit unsere Krankenkassenbeiträge zu entlasten
  2. den Ausbildungsstand und damit die Motivation unserer Jugend zu erhöhen
  3. mehr Innovation zu erreichen -> mehr Exporte -> mehr Wohlstand

Und wieder profitieren wie im alten Berlin alle in der Gesellschaft: Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer und ihre Angehörigen. Hört sich doch einfach an. Wenn man aber schaut, dass sich kaum etwas in den Ländern bewegt … Ob der Föderalismus hier doch Schuld ist? Hm, Konkurrenz unter den Ländern sollte aber doch eher förderlich sein. Ich bin mal gespannt, wie die Wahlen in “meinem” NRW  ausgehen. Schule ist eins der wichtigen Themen …

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: ,

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