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24
2010

Wettkampf der Modellierungsmethoden: schon BPMN 1.1 mit Vorteilen gegenüber ARIS EPK

Es sieht so aus, dass der Stern der ARIS EPKs – Ereignisgesteuerten Prozessketten der IDS Scheer – sinkt. Einerseits hatten sich die Modelle im Schlepptau der SAP Software-Einführungen häufig gleich mit verbreitet, aber nicht in allen Ländern gleich. Im Deutschsprachigen Raum, in zentralen Europa sowie in den USA sind sicherlich große Kunden mit entsprechenden ARIS-Tapeten zu finden. Aber meist sind diese Schrankware, d.h. einmal gemalt und kaum wieder angefasst. Unter anderem, weil die Überführung in produktive Workflows nicht so einfach machbar ist (siehe BPM-Round-Trip Engineering – Vision und Wirklichkeit).

Haben schon empirische Analysen gezeigt, dass das Modellieren schon in der Version BPMN 1.1 (Business Process Modeling Notation) einige Vorteile gegenüber der EPK-Modellierung bietet, so muss mit der neuen Version BPMN 2.0 damit gerechnet werden, dass die EPKs noch weniger Chancen haben. Die neue Version kommt mit einigen weiteren Detaillierungen bzgl. der Symbole sowie mit zwei weiteren, sehr nützlichen Diagrammtypen. Viel wichtiger aber: mit der neuen Version, deren Freigabe durch die OMG in Q3 2010 erwartet wird,  kommt nun endlich auch das Speichern der Modelle inklusive einem Teil für das Ausführen in einer Process Engine (sehr gute Einführung im BPMN Praxishandbuch).

Auch eine Studie von der camunda services GmbH und der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) Berlin zeigte schon 2008, dass BPMN der EPK dabei ist, den Rang abzulaufen, siehe Statistik:

Die Studie ist 2009 wiederholt worden. Das Ergebnis ist dieses Mal etwas anders dargestellt, da auch nach den BPM-Tools gefragt wurde. Das Pendel ist nochmals weiter BPMN ausgeschlagen, d.h. [ber alle BPM-Tools summiert, ist BPMN am häufigsten genutzt worden.

Die so genannte neue Serialisierung der BPMN 2.0 für das Ausführen der Prozesse wird damit auch weiteren Standards ein Beinchen. So hat die BPEL, die im Wesentlichen Web-Services orchestriert, schon jetzt Schwierigkeiten, einige der Workflow-Pattern der BPMN umzusetzen. Auch wird die XPDL (Standard der WfMC), die bisher für die Speicherung der BPMN-Modelle genutzt wurde, damit vermutlich ausgedient haben.

Zwar hat im Deutsch-sprachigen Raum die Anzahl der EPK-Anwender noch die Nase vorn (Studie Status Quo BPM 2008/2009), aber beim Googeln ist schon jetzt zu bemerken, wo der Zug hinfährt: Für ARIS EPC gibt es 22.100 Treffer, ARIS EPK nochmal 24.000 und für BPMN 682.000. “Die großen Hersteller (u.a auch SAP) sind alle dabei und neue Projekte werden meist auf BPMN aufgesetzt.” sagt Prof. Mendling von der Homboldt Universität zu Berlin. Auch Prof. Allweyer, Professor für Unternehmensmodellierung an der Fachhochschule Kaiserslautern, ist sich sicher: “BPMN setzt sich durch in der Praxis”.

Wer sich selbst prüfen möchte, wie gut er die BPMN beherrscht, kann dies auf einer Test-Plattform der Humboldt Universität. Es gibt eine Reihe etwas komplexerer Modelle, die sehr knifflig zu beurteilen sind. Es lohnt sich mitzumachen.

Wer sich vorher eine wenig schlauer machen möchte, kann dies im Tutorial bei der BPMN Community. Hier kann man sich mit Gleichgesinnten auch austauschen, wenn beim Modellieren nach Lösungen gesucht wird.

Neues zu BPMN wird auf dem BPMN .info gepostet. Dort kann man sich auch das aktuelle BPMN-Poster beschaffen.

SAPERION fördert Masterarbeit zum Thema BPMN, siehe  SAPERION meets BPMN

Über Feedback zu meiner Beurteilung zu  BPMN / EPK würde ich mich sehr freuen.

Ergänzung am 22.03.2010: Es wird nun konkreter mit der Transformation von BPMN 2.0 nach SAPERION: SAPERION und Signavio auf dem Weg zum BPM Round-Trip Engineering

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , , , , , , ,

13 Comments »

  • Hallo Martin,

    besten Dank für die sehr gute Zusammenfassung des Status quo bei den Prozessnotationen. Ganz interessant finde ich noch das Whitepaper von Gero Decker, wo es um die Überführung von EPK nach BPMN geht. Sozusagen die “Arche Noah für Legacy-Prozessmodelle” ;-) :

    http://www.signavio.com/de/unternehmen/blog/98-whitepaper-migration-von-epk-zu-bpmn.html

    Eine Baustelle, die es aber noch zu klären gilt, betrifft die “ARIS-Ebenen”: Diese sind ja auf Ebene 1 und 2 mit WKD etc. ausgestattet, die es so in BPMN nicht gibt. Und dann natürlich die diversen weiteren Sichten (Orga, Daten etc.), die im ARIS Haus existieren, und wo es noch kein Äquivalent rund um BPMN gibt.

    Bevor diese Themen nicht geklärt sind, wird es bei der unternehmensweiten Prozessdoku natürlich schwer, das ganze ARIS-Haus durch BPMN abzulösen. Wobei das Problem natürlich durch Tool-Anbieter kompensiert wird, die zwar proprietäre, aber immerhin durchaus gute Lösungen anbieten.

    VG Jakob Freund

    Viele Grüße

    Jakob

    Comment | 25 January 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Ein Kritikpunkt der BPMN 2.0 ist, dass mit den neuen Symbolen die Diagramme sehr komplex werden können. Die Komplexität wird genau dann benötigt, wenn die Prozesse in die Ausführung durch Process Engines / Workflow Engines sollen.
    Anwender, die nur ein einfache Dokumentation brauchen, können sich allerdings auf die Kernelemente beschränken, und dann sieht alles auch viel einfacher aus.
    Dass die BPMN 2.0 richtig viel Aussagekraft hat, davon kann man sich selbst ein Bild machen, indem man den Selbsttest von Bruce Silver mit macht:
    http://www.brsilver.com/wordpress/2010/01/07/self-test-update/
    Der Test geht über 10 Fragen mit jeweils 10 Punkten zu ausgesuchten Modellvarianten und kann in unter 10 Minuten erfolgen. Ich muss allerdings eingestehen, dass ich auch noch gute Wissenslücken habe und mich dabei aber in guter Gesellschaft befinde, sieh Grafik mit der Auswertung :-)
    BPMN Selftest Statistics
    Bruce Silvers Blog BPMS Watch zu beobachten, kann ich übrigens nur empfehlen. Er ist u.a. einer der Mitautoren der BPMN 2.0 Spezifikation.
    Einen anderen Test hat die Humoldt-Universität Berlin und die Technischen Universität Eindhoven unterwegs.
    http://kurze-prozesse.de/?p=225
    Dieser Test ist noch ausführlicher, aber genauso aufschlussreich.

    Comment | 7 February 2010
  • Auch wenn das hier etwas suggeriert wird, so ist die EPK nichts ARIS spezifisches. Im Gegenteil, die EPK wird in vielen Werkzeugen der unterschiedlichsten Hersteller unterstützt. Eine Suche bei Google nach “ARIS EPK” ist daher etwas fraglich.

    Die Branche sollte es allgemein vermeiden, hier in einen Notationskrieg zu geraten. EPK und BPMN haben ihre Berechtigung. Statt einem Kunden wegen Ideologie eine Notation aufzuschwatzen, sollte man lieber schauen, was in der konkreten Situation benötigt wird. Wird zum Beispiel eine direkte Automatisierung der Prozessmodelle angestrebt, so würde ich persönlich auch zu BPMN raten. Ist hingegen eine abstraktere Prozessmodellierung gefragt, bei der auch Risiken, Fachdaten, etc. berücksichtigt werden sollen, dann sehe ich die EPK im Vorteil. Gerade die Verknüpfung zu anderen Sichten der Unternehmensmodellierung wird von BPMN vernachlässigt. Daran ändert auch BPMN 2 nichts.

    Comment | 8 February 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Hallo Herr Stein,
    vielen Dank für Ihr Feedback. Ich gebe Ihnen Recht, neben Schwarz und Weiß gibt es noch andere Anwendungsfälle. Ich würde mir allerdings sehr wünschen, dass die BPMN sich entsprechend weiter mit den anderen Notationen der UML verbinden lässt, so dass die von Ihnen angesprochene Lücke noch geschlossen werden kann.
    Da man in ARIS auch BPMN modellieren kann, vermute ich, dass die Lücke dann hier schon proprietär gelöst ist?

    Comment | 8 February 2010
  • Hall Herr Bartonitz,

    ich bin mir nicht sicher, ob die UML das richtige Werkzeug ist, zumindest nicht für den Fachanwender. Will man allerdings die Prozessmodellierung in der Softwareentwicklung einsetzen, dann ist UML sicher ein guter Kandidat.

    In ARIS ist die Verknüpfung gegeben, da in den verschiedensten Diagrammtypen Verbindungen zwischen Modelaspekten hergestellt werden können. Das muss man wahrscheinlich als proprietär bezeichnen, da es für viele Aspekte gar keine Standards gibt.

    Comment | 9 February 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Prof. Dr. Thomas Allweyer fasst die Pros und Contras zur BPMN zusammen und Steffen Ploetz listet die offenen, noch anzugehenden Punkte in der BPMN auch noch gleich auf:
    http://www.kurze-prozesse.de/2010/03/19/pro-und-contra-bpmn-bitte-keine-ideologie/

    Eine weitere heiße Diskussion ist im BPM-Netzwerk entbrannt (?), ob BPMN für den Fachbereich taugt oder nicht doch zu komplex ist:
    http://www.bpm-netzwerk.de/forum/listBoardMessages.do?id=d915570e2772eecb01277675440e0076

    Fazit bisher:
    a) Geschäftsprozesse sind komplex, da lässt sich nichts vereinfache. Aber BPMN kann eingangs mit wenigen Elementen auskommen.
    b) unbedingt gut:gemeinsame Sprache. Von einfach bis Prosa nutzbar, aber alle sprechen gleich (keine “Free-Style Modellierung”)
    c) der Schwerpunkt der Neuerungen in der BPMN 2.0 lag zu sehr auf technischen Aspekten zur Ausführung. Gerade für die Dokumentation und Analyse hätte noch etwas mehr drin sein dürfen.

    Comment | 20 March 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Bruce Silver, einer der Macher von BPMN, hat in seinem neuesten Post geschrieben, warum er meint, dass BPMN nun der anerkannte Standard ist. Gut, er hat dies auch gemacht, um Werbung würde seine Trainings zu machen. Aber ein Stück Wahrheit ist der Liste seiner Wahrnehmungen zu entnehmen:
    - er macht mehr Trainings als bisher
    - er referiert deutlich mehr
    - er sieht immer mehr Anwendungen der großen Firmen.
    Selbst Microsoft wird Visio mit BPMN 2.0 Stencil-Sets ausstatten. Das Spannende: es wird auch eine Validierungsfunktion geben.
    Siehe den Post hier.

    Comment | 25 March 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Jakob Freund war auf der Jax und konnte sich ein Bild von den Neuentwicklungen rund um BPMN bei ORACLE und SAP machen. Wie man seinem Post entnehmen kann, sind das zwei weitere Motoren, die für die schnelle Verbreitung des Standard sorgen werden:
    http://www.bpm-guide.de/2010/05/06/die-jax-und-die-erleuchtung/

    Comment | 7 May 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich muss nochmals Jakob Freund bemühen. Er hat im letzten Monat einen wichtigen Post geschrieben mit einem Erfahrungsbericht über ein Projekt, in dem viele BPMN-Modelle beschrieben wurden. Er hat das imposante Ergebnis in einem kurzen 360 Grad Film augenommen genauso wie das Modell des ebenfalls erstellten Support-Prozesses auf Basis von Signavio in den Post eingebaut:
    http://www.bpm-guide.de/2010/05/24/bpmn-just-do-it/

    Comment | 20 June 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    BPMN weiter auf dem Vormarsch. Mit der zweiten Auflage des Praxishandbuch BPMN haben die Autoren auch ein Update der Verwendung und des Interesses zu BPMN, UML und EPK gebracht. Sie meinen:
    “Es arbeiten immer mehr Menschen auch im deutschsprachigen Raum mit der BPMN. Der Statistik im Vorwort zur ersten Auflage lässt sich eine aktuelle Auswertung des BPM-Netzwerks gegenüberstellen (siehe Abbildung), das zwischenzeitlich auf weit über 7000 Mitglieder angewachsen ist. Wie man sieht, ist das Interesse an der BPMN ungebrochen groß. Im Verhältnis zu früher gibt es aber deutlich mehr Menschen mit BPMN-Praxiserfahrung: Die Anzahl der Mitglieder, die eine Praxiserfahrung mit BPMN angeben, hat sich im Vergleich zum September 2009 um rd. 45% erhöht, bei der EPK und UML sind es jeweils nur rund 25%.

    Und auch qualitativ ist die Entwicklung erfreulich: Die vielen Diskussionen rund um BPMN, die im Internet, den diversen Print-Magazinen und auf Konferenzen stattfinden, bewegen sich mittlerweile auf einem viel höheren Niveau als noch vor zehn Monaten. Zahlreiche Menschen diskutieren Fragestellungen rund um die sinnvolle Anwendung, aber auch die Grenzen und Schwächen des Standards auf eine Art und Weise, die ein fundiertes Grundwissen und ernst zu nehmende praktische Erfahrung offenbart. Man könnte sagen, der “BPMN-Reifegrad” ist in der jüngsten Zeit spürbar gestiegen.

    Auch der Softwaremarkt ist in Bewegung: Zahlreiche BPM-Hersteller, allen voran IBM, Oracle und SAP, setzen auf BPMN 2.0 und haben teilweise bereits entsprechende Produkte veröffentlicht. Auch die brandneue BPM-Plattform Activiti setzt BPMN 2.0 um und ist sogar komplett Open Source verfügbar. Und mit BPMN.info existiert inzwischen ein deutschsprachiges Forum, das sich nicht nur vollständig dem Thema BPMN widmet, sondern das es sogar erlaubt, kostenlos und ohne Softwareinstallation BPMN-Prozessmodelle direkt online zu erstellen und in die Diskussion einzubringen.”
    Quelle und Diagramm.

    Comment | 9 August 2010
  • Dr. Martin Bartonitz

    Studentin Yvonne Pietrowsky hat die Ergebnisse einer Umfrage zur Nutzung von Modellierungnotationen veröffentlicht, deren Teilnehmer in Deutschland sich gleich viel mit EPK oder BPMN beschäftigen. Allerdings sind die BPMN-Anwender kritischer und bemängeln eini gewisse Klarheit.

    Comment | 27 November 2010
  • [...] Wettkampf der Modellierungsmethoden: schon BPMN 1.1 mit …24. Jan. 2010 … Es sieht so aus, dass der Stern der ARIS EPKs – Ereignisgesteuerten Prozessketten der IDS Scheer – sinkt. Einerseits hatten sich die Modelle … [...]

    Pingback | 26 April 2012
  • [...] Wettkampf der Modellierungsmethoden: schon BPMN 1.1 mit Vorteilen gegenüber ARIS EPK. Stand 2010. http://www.saperionblog.com/lang/de/wettkampf-der-modellierungsmethoden-schon-bpmn-1-1-mit-vorteilen… (zuletzt aufgerufen am 05.07.2012) Veröffentlicht in BPMN | Schlagworte: Prozessnotation, [...]

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