Mar
06
2010

Wir müssen nicht mehr Wissen, weil uns der Content auf Schritt und Tritt verfolgen wird

Wissenspyramide

Wissenspyramide

Ich habe es nun durch, das sehr spannende Sachbuch “Payback” von Frank Schirrmacher, das dem Thema  “Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen” nachgeht (Fortsetzung des Posts “Das ist der HIT ...”) . Gut, auch wenn nicht ganz konkrete Anweisungen formuliert sind, was zu tun ist, um unsere Kontrolle zurückzugewinnen, so entwirft der Autor ein sehr nachdenklich stimmendes, aber dennoch zuversichtliches Bild unserer baldigen Zukunft. Es deckt sich in weiten Teilen mit der Studie “Trends in connectivity technologies and their socioeconomic impacts”, die für die European Commission’s DG Information Society and Media für zukünftigen politische Direktiven in 2009 erstellt wurden. Herr Schirrmacher denkt noch etwas weiter, speziell was unser zukünftiges Lernen und Denken angehen wird. Es lässt sich zudem direkt die Brücke zu SAPERION´s Kernthema, dem Enterprise Content Management schlagen.Wie schon in meinem ersten Post geschrieben ist die Kernaussage,  dass unser Denken an zwei Stellen stattfinden wird: im Himmel (die Cloud) und auf der Erde (unser Kopf).  Sämtliche Informationen, die die Menschen jemals erstellt haben, werden in der Cloud überwiegend kostenfrei verfügbar sein und auch so schnell aufgrund der redundanten Speicherung nicht mehr verloren gehen (man denke an den Brand der Bibliothek von Alexandria). D.h. wir werden nicht mehr wie früher Informationen eingetrichtert bekommen müssen und damit unseren doch arg beschränkten Speicher belasten. Das können die Rechner in der Cloud viel besser, schneller und sicherer.

Wenn wir also diesen Ballast über Bord werfen können, da die Beschaffung  relevanter Informationen in der Cloud stattfinden, können wir Menschen uns mehr mit dem beschäftigen, was die Computer (noch?) nicht in der Lage sind: Innovation. Um die Schaffung neuen Wissens aus den vorhandenen Informationen besser leisten zu können, müssen wir ganz anders ausgebildet werden. Schon heute ist nach Schirrmacher offensichtlich, dass viele der zukünftigen  Jobs für  Studenten, die heute ihre Ausbildung beginnen, noch gar nicht geschaffen wurde.  D.h. die Ausbildung darf nicht mehr nach Ausbildungsplänen laufen, die mühsam vor Jahren entworfen wurden, denn sie sind ja schon wieder veraltet. Die Ausbildung sollte so gestaltet werden, dass interaktiv gelehrt wird, wo die Studenten ihre Lücken haben. Zu lernen sind demnach mehr die Methodik, wie aus Informationen Neues geschaffen wird.

Und da kommt es dann auf unseren Blickwinkel an. Schirrmacher führt eine Reihe von Untersuchungen an, wie verhindert wird, dass man an seinem Blickwinkel festhält und damit nicht auf neue Aspekte kommen kann. Die Lösung, den Blickwinkel loslassen zu können, wird bei Manchen ein unangenehmes Bauchgefühl verursachen. Nur wer sich auf einem unsicheren Terrain bewegt, d.h. keine Vorgaben hat, durchdenkt weitere Alternativen und kommt so zu neuen Ideen. Und wer sich hier darauf einlassen kann, dass die Cloud ihm in seiner Lösungssuche unbeschränkt unterstützt,  bekommt auch wieder festen Boden unter die Füße.

Damit haben wir auch gleich die Brücke zum Content Management. Die Suchfunktion wird eine der wichtigsten Funktionen werden. Schon heute wird in so mancher Suche berücksichtigt, was ich bisher gemacht (Profil). Das kann einerseits dazu führen, dass dabei anderes unter den Tisch fällt, dass die Suchmaschine selbst den Blickwinkel verstellt hat und uns dann wichtige andere Informationen fehlen, um kreativ zu werden. Aber im allgemeinen Berufs-/Alltag wird uns an allen Ecken und Enden geholfen werden können. Ich hatte gestern schon zum kontextadaptiven BPM gepostet, ein Thema das genauso hier passt. Wir werden zukünftig über alle möglichen Sensoren mit unserer Umwelt interagieren. z.B. wird unser Handy uns zu einem Ziel navigieren und dabei schnell reagieren können, wenn es einen Umweg geben muss oder wir uns eher auf den Weg machen müssen. Bin ich bei meinem Gesprächspartner angekommen, stehen mir ohne zu suchen sofort die wichtigsten Dokumente zur Verfügung. Ähnlich dem Call-Center-Mitarbeiter, wenn er einen Anruf entgegen nimmt. Wie uns in der Werbung schon gezeigt wird, muss ich mich zukünftig nicht mehr ausführlich informieren, wo ich was vor Ort finden werde. Mein Handy wird mir alle notwendigen Informationen kontextbezogen aus der Cloud beschaffen können. Und da jeder Sensor eigene Nachrichten (Events) weitergibt, andere Systeme diese wieder konsolidieren, können auch diese Informationen adaptiv auf unser Gelenktwerden wirken.

Womit wir dann noch bei der letzten Betrachtung angekommen sind. Wie sieht es mit unserem freien Willen aus? Werden wir den dann überhaupt noch haben. Schon heute haben eine Reihe von Gerhirnforschungsergebnissen gezeigt, dass unser angeblich so freie Wille gar nicht so frei ist. Bevor ein Gedanke in unser Bewusstsein gelangt ist, haben eine Reihe von Agenten in unserem Unterbewusstsein gespeicherte Informationen = Erfahrung durchforstet, abgeglichen und ein Gefühl entwickelt, auf dessen Basis dann der Gedanke getragen wird. Es wird sicherlich die Gefahr bestehen, dass wir durch die Cloud-Suchmaschinen gelenkt werden. Aber das, was den Menschen gegenüber der Maschine ausmacht, ist seine Unberechenbarkeit, die eben genau auf seinen Gefühlen basiert. Während die Maschinen (noch?) deterministischen Algorithmen folgen, sind Gefühle nur schwer steuerbar. Und da diese neben der aktuellen körperlichen Verfassung und dem Stand des Mondes auch durch den individuellen  Erfahrungsschatz beeinflusst werden, ist dies das Pfund, warum wir immer wieder zu Neuem kommen und angetrieben werden.

Nach Schirrmacher bleibt uns dann der freie Wille, wenn wir weiterhin an diesen glauben. Andernfalls werden wir nur noch ein Teil im Gesamtgetriebe bleiben und gehorchen.  Innovation wäre dann dahin. Ich bin mir sicher, dass unsere Gefühle es nicht zulassen werden, dass wir den Glauben an uns selbst verlieren werden und damit auch in der in diesem Buch und der genannten Studie einen wichtigen Platz in dieser Welt ausfüllen werden. Auch wenn diese ganz anders aussehen wird als ich dies als Mitglied der Baby-Boomer-Generation kennengelernt habe.

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Facebook Post to MySpace

Download PDF
Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , ,

5 Comments »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Ich habe gerade einen schönen Beitrag von Aaron Levie zum Cloud Content Management gefunden, das einen weiteren Trend bespricht. Auch die Unternehmensinformationen werden zunehmend in die Cloud gestellt. Besonders die kleinen und mittleren Firmen profitieren davon, sind doch die Kosten geringer als eine Inhouse-Lösung.
    Zwar sind eine Reihe von Compliance-Funktionen hier noch nicht zu erwarten wie e-Discovery (Dokumente für einen Rechtsstreit finden), Records Management (Schutz vor Vernichtung bis zum Ablaufdatum der Aufbewahrungsfrist als und Vernichtung auf Grund von Datenschutzrichtlinien), und Archivierung (siehe Regularien wie AO, GoBS, etc.).
    Siehe den kompletten Beitrag hier: http://aiim.typepad.com/aiim_blog/2010/03/cloud_content_management.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+EcmIndustryWatch+%28Digital+Landfill%29&utm_content=Google+Reader

    Comment | 27 March 2010
  • Heute ist ein interessanter Artikel im online CIO veröffentlicht worden, der das Thema auch aufgegriffen hat:
    US-Psychologin deckt auf
    Wie Google unser Gedächtnis verändert
    “Wie wichtig den Menschen der Computer und das Internet als Gedächtnishilfen sind, darauf schließt Sparrow anhand eines Reaktionstest: Wie schnell hatten die Probanden Computer-Begriffe parat, wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht wussten? Es zeigte sich, dass Computer-Begriffe schneller zugänglich waren als andere, allgemeinere Wörter aus dem Wortschatz.”

    Comment | 10 August 2011
  • Dr. Martin Bartonitz

    Auf Wirtschaftsmagazin BrandEinsOnline ist ein in meinen Augen genialer, aufrüttelnder Artikel erschienen, der die Aussagen meines Posts unterstreicht und dass wir loslassen können sollten und uns auf eine neue Kultur einstellen sollten:

    Perspektiven

    Der Blick nach vorn ist getrübt. Die Zukunft gilt als unbestimmbar, Planen als überholt – alle fahren nur auf Sicht. Das kann dauern.
    Es ist Zeit für einen besseren Durchblick.

    “Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein.” Perikles, griechischer Politiker

    Die Unternehmenskultur, das persönliche Paradigma einer Organisation, erleichtert nicht nur den Umgang mit der Zukunft, mit Überraschungen und Wildcards. Die Kultur macht auch klar, wer man ist, sie zeigt Kunden und Partnern, was man will, kann und auch, was nicht. Sie ist damit auch die Kunst des Weglassens, das Gegenteil statischen Perfektionswahns, ein lebender Organismus, der mit Komplexität zurechtkommt. Denn das können zentrale Strukturen nicht mehr. Sie scheitern an der Allmachtsfantasie, alles kontrollieren zu können, sie leben in der Illusion, dass sie wüssten, was hinter der nächsten Kurve auf sie lauert. Sie wissen nicht, was kommt. Weil sie nicht wissen, wer sie sind.

    “Wenn man eine Kultur hat, dann kennt man sich selbst. Das ist eine der wichtigsten Sehhilfen, die man in einer komplexen Welt haben kann”, sagt Thomas Perry. “Sie macht es möglich, dass wir trotz der vielen Überraschungen immer gut und zügig auf Sicht fahren können – statt uns der Illusion der großen Entwürfe hinzugeben, die nicht mehr funktionieren.”
    Selbsterkenntnis ist bekanntlich der beste Weg zur Besserung – und vielleicht führt diese Einsicht auch dazu, dass sich die Sichtweite auf Zukunft verbessert. Kulturen, das sind gemeinsame Geschichten.

    Man muss also etwas wollen und darüber reden, das auch andere verstehen – oder, wie man neudeutsch sagen würde, blicken würden, damit man die Entwicklung nicht verpeilt.
    Da wären wir wieder bei Giotto di Bondone. Sein Geschenk an uns, die Perspektive, die heißt auf Lateinisch perspicere.

    Auf gut Deutsch heißt das so viel wie: Durchblick. -

    Comment | 2 July 2012
  • Lieber Martin,
    danke – auch für die Kommentare!
    ich habe mich mit ‘beiden’ Themen ebenfalls beschäftigt:
    vgl. http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/Payback_blessing_verlag_de

    und Steinzeit besser als Bücher ;-)
    http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/Ancientlibraryalexandria_wikipedia_org
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/Keilschrift_wikipedia_org

    Comment | 2 July 2012
  • Nachtrag zu / aus brandeins: Flache Weltsicht. Das ewige Innovations-Dilemma.
    “Dabei kennt jeder die Antwort: Weil es nicht besonders bekömmlich ist, wenn man zu weit geht mit dem, was man verstanden hat
    - und für das den meisten anderen noch der Durchblick fehlt… In einer flachen Welt ist es gefährlich, Perspektiven zu eröffnen.

    Je nach Regierungslage kommt man dafür mal auf den Scheiterhaufen oder in den Ruf, ein Spinner zu sein, was einer Existenz auf Dauer auch nicht bekommt.
    Perspektive ist ein schwieriges Geschäft und dafür entscheiden sich nur wenige.. ”
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/Flat_earth_wikipedia_org

    Comment | 2 July 2012

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment


× seven = 7

Theme: TheBuckmaker.com Web Templates | Bankwechsel Umschuldung, Iplexx IT Solutions