May
13
2011

Wird unsere alte Wirtschaftsreligion nach und nach widerlegt? Ist der Mensch doch kein reiner Nutzenmaximierer?

Auf die Idee zu diesem Artikel bin ich heute morgen gekommen, als ich im Hotel beim Frühstück die Nachricht las, dass der Volkswirt Armin Falk als erster Deutscher den renommierten Yrjö Jahnsson Award der European Economic Association gewonnen hätte. Bei dem Namen klingelte es noch nicht, aber das Forschungsthema hatte mich dann doch sehr interessiert. In seinem Beitrag “Analyse sozialer Präferenzen” widerspräche Herr Falk dem über hundert Jahre alten Mythos der Ökonomen, dass der Mensch ein einsamer, rational entscheidender Nutzenmaximierer sei.

Einer meiner Autoren, die ich sehr zu schätzen gelernt habe, Prof. Gunther Dueck, hatte vor zwei Jahren auf einem Vortrag auch schon einmal formuliert, dass man fast alle Theorien der irtschaftswissenschaftler auf den Müll werfen könne. Wenn man sich anschaut, wie wenig die Ökonomen bisher in der Lage waren, die letzten Krisen vorherzusagen, mag man gerne ohne Einschränkung zustimmen:

http://www.youtube.com/watch?v=UQVfHaKvNXs

Die Theorie des Nutzenmaximierers lieferte unseren Firmen Jahrzehnte das Argument, warum Mitarbeiter aus der Sicht eines X-Menschen (siehe X-Y-Theorie) als faul und träge zu betrachten seien. Der Mensch sei immer darauf aus, mit geringstem Aufwand den größten Nutzen zu ziehen. So würde ein Menschen entweder versuchen, ein möglichst hohes Gehalt für seine gute Arbeit zu erhalten. Oder wenn das nicht geht, was in den meisten Situationen der Fall ist, so wenig wie möglich dafür arbeiten zu müssen. Im Falle schlecht bezahlter Menschen muss demnach die Peitsche zum Antreiben geschwungen werden.

Dass Menschen aber nicht nur kühl rational entscheiden, sondern Gefühle eine wichtige Rolle spielen, die zu irrationalen Entscheidungen führen, sollte inzwischen bekannt sein (siehe z.B. das Buch Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen von Dr. Andreas Zeuch). Und zusammen mit der Chaos-Theorie wird dann noch klarer, dass ähnlich wie bei der Berechnung des Wetters über einen Zeitraum von mehr als 3 Tagen es nicht möglich ist, den Erfolg einer Firma, geschweige denn einer gesamten Ökonomie über einen längeren Zeitraum zu berechnen, sprich vorherzusagen.

Was hat aber nun Herr Falk über den Menschen herausgefunden? Also flugs die Google-Suche angeworfen und nach ein paar weniger erhellenden Beiträgen habe ich den sehr gut aufbereiteten Artikel Wirtschaftsethik – Warum Egoismus im Geschäftsleben schadet von Michael Kröger auf Spiegelonline gefunden:

Die Forschung zeigt also, dass sich Fairness und Vertrauen für das Unternehmen auszahlen kann. Mitarbeiter mit Respekt zu behandeln, ist nicht nur moralisch wünschbar, sondern ökonomisch
sinnvoll.

In seinem Artikel beschreibt Herr Kröger einige wichtige Rollenspiele und die Ergebnisse, die Herr Falk ableiten konnte. So z.B. diese:

Strenge Kontrolle erzeugt Gegenwehr
Noch eindrucksvoller widerlegt der Bonner Gelehrte mit einem einfachen Rollenspiel die Traditionalisten, die unterstellen, dass Engagement sich am besten erzwingen lässt, wenn man den Mitarbeiter nur streng genug kontrolliert. Dabei werden zwei Vergleichsgruppen mit Chefs und Mitarbeitern eingesetzt. In der ersten legt der Chef einen Lohn fest und überlässt es den Mitarbeitern, wie viel sie dafür arbeiten. In der zweiten Gruppe ist die Entlohnung an detaillierte Arbeitsvorgaben und rigide Anwesenheitsbestimmungen geknüpft. Am Ende war das Leistungsniveau höher, wenn die Mitarbeiter nicht eingeschränkt wurden. Danach befragt, gaben die Mitarbeiter an, dass sie die Einschränkung als Misstrauen deuteten und darauf mit Leistungszurückhaltung reagierten.

Ich hatte diese Thematik schon anhand der intrinsichen Motivation auf Basis von Selbstbestimmtheit in dem Artikel beschrieben: Prozessoptimierung: Was machen erfolgreiche Unternehmen besser? Wieso sind ihre Mitarbeiter motivierter?

Ich habe nicht von ungefähr meinen Titel mit dem Wort “Wirtschaftsreligion” anstelle von “Wirtschaftswissenschaften” getitelt. Nicht nur  Prof. Dueck geht mit dieser Lehrbranche stark ins Gericht. Man findet im Netz immer mehr Kritiken. Besonders ernstzunehmende sind dann solche, die aus den eigenen Reihen kommen.So formulierte der erimitierte Prof. Hubert Beyerle schon 2007Zu viel Ideologie, zu wenig Wissenschaft.

Besonders kritisiert wird an den Wirtschaftswissenschaftler, dass sie kaum noch unabhängig arbeiten könnten, da die Fördermittel überwiegend aus der Industrie kämen. Da müsse man sich nicht wundern, welche Ergebnisse und Ansichten am Ende rauskämen.In das gleiche Horn stößt auch der ehemalige Bundestagsabgeordnte und Staatssekretär Dietrich Sperling und fordert mit der letzten Finanzkrise nicht nur bessere Regeln für die Märkte, sondern eine bessere Wirtschaftswissenschaft (siehe Die Krise des Finanzsystems ist auch eine nicht eingestandene Krise der Volkswirtschaftslehre).

Besonders interessant sind zudem noch Artikel, die im Rückblick schildern, welchen Eindruck sie von den Vorlesungen von Volks- und Wirtschaftswissenschaftlern erhalten haben, so z.B. schreibt Hinnerk Rümenapf in seinem Artikel Homo oeconomicus: Habgier ist geil! etwas satirisch:

Der Volks­wirtschaft­ler kam als echter Homo oeconomicus und Nutzenmaximierer mit noch weniger “Investment” aus als der Be­triebs­wirt­schaft­ler. Seine Be­grün­dung, warum er kein Skript heraus­gab, war kurz: er hatte keins. Das hat er in seinen Vor­lesung­en auch glaub­haft ver­mittelt. Zu­nächst malte er zwei Linien an die Tafel (ohne jede Be­schrift­ung) und nannte Sie “Koordinaten­system” (mit so un­wichti­gen Details wie “Ein­hei­ten” oder “Be­zeich­nung­en” be­schäfti­gen sich nur Techniker [igitt!], oder echte Wis­senschaft­ler [pfui!]). An­schließend er­zählte er viel von Verlaufs­kurven, die er gleich mit bunter Kreide an die Tafel malte, alle über­ein­ander. Manch­mal gab es eine (maximal drei­buch­stabige) Ab­kürzung als Be­schrift­ung, mehr nicht. Ein un­be­fang­en­er Be­trachter hätte es für ab­strakte Kunst halten können. Ich gewann den Ein­druck, er würde auch eine Relation zwischen dem Brutto­inlands­produkt von Botswana und der mittleren Schuh­größe der Singalesen her­stellen.

Jedenfalls hatte er sich dann doch entschlossen, es bei einem Diplom zu belassen, bevor er sich mit den Dozenten angelegt hätte. Er stellte sich dann aber auch die Frage, ob wir Menschen solche Nutzenmaximierer seien, wie das die Dozenten den Studenten weißmachen wollten:

Sind wir wirklich alle rein Profit­orientiert? Was würde wohl pas­sier­en, wenn auch “normale” Arbeit­nehmer sich nach den Grund­regeln der Wirt­schafts – “Wis­sen­schaft” richten? Sie Investieren Zeit, Arbeits­kraft und oft auch einen Teil ihrer Gesund­heit. Als Return er­halten sie monat­liche Zahlung­en. Es gibt zwei Möglich­keiten den Return on Investment zu maximieren. Zum Einen kann man ver­such­en mehr Geld zu bekommen (den Return ver­größern, Maximal­prinzip). Das er­scheint zwar nicht un­möglich, die Aus­sicht­en sind aber eher be­scheiden.

Die andere Möglichkeit besteht in der Minimierung des Investments (Minimal­prinzip). Wenn also zum Monats­ende immer der­selbe Betrag auf dem Konto landet, muss der wirt­schaft­lich han­delnde Arbeit­nehmer zu­sehen, dass er mög­lichst wenig dafür arbeitet. Im Sinn der Grund­regeln der Wirt­schafts­wissen­schaft darf er gar nicht mehr als un­bedingt nötig da­für arbeiten. Die aus Wirt­schafts­wis­sen­schaft­licher Sicht korrekt handelnden Arbeit­nehmer wer­den leider immer noch als “Drücke­berger” und “faule Säcke” be­schimpft. Es wird Zeit mit dieser grandiosen Fehl­ein­schätzung auf­zu­räumen! Nur diese Kollegen haben die Prinzipien un­se­rer Wirt­schaft wirk­lich ver­stan­den, lassen sich nicht ein­schüchtern und leben als rationale Nutzenmaximierer die Leit­sätze der Wirt­schafts­wissen­schaft. Man sollte solche Kollegen achten, ehren und ihrem Beispiel nach­eifern. Es soll­ten sich alle Arbeit­nehmer wirt­schaft­lich orientieren und in diesem Sinn ihren per­sönlichen Return on Investment optimieren!

Komisch - es gibt immer noch Kollegen, die un­bezahlte Über­stunden machen und sich fast bis zum Um­fallen für “ihre” Firma engagieren. Vielleicht sind doch nicht alle Men­schen Ver­tre­ter des Homo oeconomicus?

Und dass wir definitiv nicht Nutzenmaximierer sind, sollte spätestens dann einleuchten, wenn man sich anschaut, wie viele Tätigkeiten unbezahlt im Ehrenamt erfolgt. Was da wohl die Motivation sein soll?

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,records management | Tags: , , ,

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