Jun
04
2010

Hirnforscher bestätigen Darwins Befürchtung, dass wir womöglich gar keinen freien Willen haben

Das Gefühl des Zweifels: ist die Entscheidung richtig?

Das Gefühl des Zweifels: ist die Entscheidung richtig?

Darwin hatte ich schon in einem meiner früheren Posts bemüht, kann man mit seiner Theorie doch auch klären, dass es von Vorteil für eine Gemeinschaft ist, wenn die Mitglieder sich an soziale Regeln halten. Übrigens ein schlagendes Argument, dass man keine Angst vor dem ausbrechenden Chaos haben muss, sollte die Institution Kirche als die moralische Säule der Gesellschaft einmal wegbrechen. Das Gewissen, das uns dazu bringt, das Gute zu tun und das Böse zu vermeiden, ist demnach nicht durch Gott angelegt und durch die vorgelebte  Moral der Kirchenvertreter gepflegt  sondern eine optimale Anpassung zum Überleben.

Bas Kast nimmt in seinem Artikel Die Natur der Seele den Faden auf und weist darauf hin, dass unser Ich aufgrund unseres Gewissens womöglich gar keinen freien Willen zur Entscheidung hat. Unter anderem haben Gehirnforscher nachgewiesen, dass die Entscheidungen in unserem Unterbewussten schon vorbereitet wird und unser Bewusstsein (Ich) als die unsere dann akzeptiert. Das Unterbewusstsein gleicht zuvor schon alle gespeicherte Erfahrungen ab und kommt zu einem Entschluss, den wir meist schon zuvor durch eine Bauchgefühl, durch Emotionen wahrnehmen können.

Der Artikel hat eine intensive Diskussion ausgelöst, ob wir denn nicht doch in der Entscheidung frei sind. Ein Argument ist unter anderem, dass das Gehirn auf Basis von Schaltungen im Micro-Bereich arbeitet und hier die Heisenbergsche Unschärfe zuschlägt und mit Wahrscheinlichkeiten zu jonglieren ist. Damit wäre die Entscheidungen zumindest nicht determinierbar. Aber das wird vermutlich auch eher im nicht-bewussten Bereich stattfinden. Das Entscheidungen durch Gefühle vorbereitet werden und damit auch die Dosis aktueller Hormone in unserem Körper  Entscheidungen beeinflussen, hat  Antonio R. Damasio hat in seinem Buch Ich fühle also bin ich gut erklärt.

Kartenspiel mit Gefühl

Aber er zeigt auch, dass lange vor unserem Bewusstsein schon unsere Gefühle die Entscheidung vorwegnehmen. Er beschreibt dies anhand eines Experiments mit Spielkarten. Es wurden den Probanden mehrere Kartenstapel zur Verfügung gestellt. Die Probanden mussten Karten ziehen und wurden je Kartensymbol belohnt oder bestraft. Es waren einige Stapel statistisch besser als andere ausgestattet. Nach einiger Zeit zeigten die Probanden systematisch eine Hautleitfähigkeistreaktion, wenn sie eine Karte von einem schlechten Stapel ziehen wollten, jedoch nicht beim Ziehen von einem guten Stapel. Und so leitete sie das Gefühl an, doch besser vom guten Stapel zu ziehen, noch lange bevor sie sich dessen bewusst wurden. Das Buch ist leider zäh zu lesen, da doch sehr wissenschaftlich gehalten. Aber eslohnt sich dennoch, erklärt es sehr einleuchtend, wichtig unsere Gefühle für unser Leben und Denken ist. So lange die Computerprogramme nichts Entsprechendes besitzen werden, so lange werden wir mit unseren langjährigen Erfahrungen den Computern wohl noch überlegen sein.

Dass wir uns auf unsere Gefühle verlassen, hat jeder sicher schon selbst bemerkt. Ekel schützt uns vor schlechten Lebensmitteln, Angst vor Begegnungen mit unliebsamen Gegnern (warum das bei Frauen ausgerechnet Spinnen sind?)  oder Misstrauen vor schlechten Geschäften (->Compliance: Vertrauen in den Geschäftspartner). Interessant wird es im Sport. Von vielen Sportlern hört man immer wieder, dass sie die besten Ergebnisse erzielen, wenn sie das Bewusstsein herunterfahren und sich allein auf ihre Gefühle verlassen. Das lässt sich auch leicht erklären. Im Bewusstsein können wir nur eine gewisse Menge an Daten verarbeiten. In den anderen Gehirnregionen lässt sich dagegen sehr viel mehr Input parallel verarbeiten.Ich selbst habe für Schwimmwettkämpfe als Jugendlicher gelernt, die Köpersignale zu ignorieren, die mir anzeigten, dass ich besser weniger reinhauen sollte. So habe ich “über meinen Schatten springen” können, um die letzten Reserven zu aktivieren.

Auch der Begriff der Intuition ist hier angebracht. Ältere Personen mit viel typischerweise viel Erfahrung entscheiden intuitiv richtiger als Jüngere, d.h. meist wissen sie die Gründe für die Entscheidung nicht im Detail. Sie fühlen sich nur gut bei dieser Entscheidung und bei der Alternative nicht. Und wer sich nicht gleich entscheiden kann, soll noch mal drüber schlafen. Auch hier nutzt man das Unterbewusstsein für die Entwicklung des Gefühls zu Entscheidung.

Wenn wir übrignes annehmen würden, dass wir überhaupt keinen freien Willen hätten, wären wir auch nicht mehr für unsere Taten verantwortlich zu machen. Denn was wir erfahren, könnten wir nicht steuern, und damit steuern uns die fremd erfahrenen Informationen. Unser Gehirn wäre demnach nichts anderes als ein Computer mit einem Programm und vielen Daten, die er ständig für neue Entscheidungen auswertet und gaukelt uns nur vor, dass wir ein freies Ich haben.

Ich habe die große Hoffnung, dass auch unser Bewusstsein genügend Freiraum für eigene Entscheidungen hat. Denn anders wäre doch zu deprimierend.

By the way noch eine interessante Feststellung: unser Gehirn hat als einziges Organ keine Schmerzempfindung, sprich wir spüren nicht, ob im Gehirn etwas beschädigt ist.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , ,

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