Wird unsere alte Wirtschaftsreligion nach und nach widerlegt? Ist der Mensch doch kein reiner Nutzenmaximierer?
Auf die Idee zu diesem Artikel bin ich heute morgen gekommen, als ich im Hotel beim Frühstück die Nachricht las, dass der Volkswirt Armin Falk als erster Deutscher den renommierten Yrjö Jahnsson Award der European Economic Association gewonnen hätte. Bei dem Namen klingelte es noch nicht, aber das Forschungsthema hatte mich dann doch sehr interessiert. In seinem Beitrag “Analyse sozialer Präferenzen” widerspräche Herr Falk dem über hundert Jahre alten Mythos der Ökonomen, dass der Mensch ein einsamer, rational entscheidender Nutzenmaximierer sei.
Einer meiner Autoren, die ich sehr zu schätzen gelernt habe, Prof. Gunther Dueck, hatte vor zwei Jahren auf einem Vortrag auch schon einmal formuliert, dass man fast alle Theorien der irtschaftswissenschaftler auf den Müll werfen könne. Wenn man sich anschaut, wie wenig die Ökonomen bisher in der Lage waren, die letzten Krisen vorherzusagen, mag man gerne ohne Einschränkung zustimmen:
Die Theorie des Nutzenmaximierers lieferte unseren Firmen Jahrzehnte das Argument, warum Mitarbeiter aus der Sicht eines X-Menschen (siehe X-Y-Theorie) als faul und träge zu betrachten seien. Der Mensch sei immer darauf aus, mit geringstem Aufwand den größten Nutzen zu ziehen. So würde ein Menschen entweder versuchen, ein möglichst hohes Gehalt für seine gute Arbeit zu erhalten. Oder wenn das nicht geht, was in den meisten Situationen der Fall ist, so wenig wie möglich dafür arbeiten zu müssen. Im Falle schlecht bezahlter Menschen muss demnach die Peitsche zum Antreiben geschwungen werden.
Dass Menschen aber nicht nur kühl rational entscheiden, sondern Gefühle eine wichtige Rolle spielen, die zu irrationalen Entscheidungen führen, sollte inzwischen bekannt sein (siehe z.B. das Buch Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen von Dr. Andreas Zeuch). Und zusammen mit der Chaos-Theorie wird dann noch klarer, dass ähnlich wie bei der Berechnung des Wetters über einen Zeitraum von mehr als 3 Tagen es nicht möglich ist, den Erfolg einer Firma, geschweige denn einer gesamten Ökonomie über einen längeren Zeitraum zu berechnen, sprich vorherzusagen.
Was hat aber nun Herr Falk über den Menschen herausgefunden? Also flugs die Google-Suche angeworfen und nach ein paar weniger erhellenden Beiträgen habe ich den sehr gut aufbereiteten Artikel Wirtschaftsethik – Warum Egoismus im Geschäftsleben schadet von Michael Kröger auf Spiegelonline gefunden:
Die Forschung zeigt also, dass sich Fairness und Vertrauen für das Unternehmen auszahlen kann. Mitarbeiter mit Respekt zu behandeln, ist nicht nur moralisch wünschbar, sondern ökonomisch
sinnvoll.
In seinem Artikel beschreibt Herr Kröger einige wichtige Rollenspiele und die Ergebnisse, die Herr Falk ableiten konnte. So z.B. diese:
Strenge Kontrolle erzeugt Gegenwehr
Noch eindrucksvoller widerlegt der Bonner Gelehrte mit einem einfachen Rollenspiel die Traditionalisten, die unterstellen, dass Engagement sich am besten erzwingen lässt, wenn man den Mitarbeiter nur streng genug kontrolliert. Dabei werden zwei Vergleichsgruppen mit Chefs und Mitarbeitern eingesetzt. In der ersten legt der Chef einen Lohn fest und überlässt es den Mitarbeitern, wie viel sie dafür arbeiten. In der zweiten Gruppe ist die Entlohnung an detaillierte Arbeitsvorgaben und rigide Anwesenheitsbestimmungen geknüpft. Am Ende war das Leistungsniveau höher, wenn die Mitarbeiter nicht eingeschränkt wurden. Danach befragt, gaben die Mitarbeiter an, dass sie die Einschränkung als Misstrauen deuteten und darauf mit Leistungszurückhaltung reagierten.
Ich hatte diese Thematik schon anhand der intrinsichen Motivation auf Basis von Selbstbestimmtheit in dem Artikel beschrieben: Prozessoptimierung: Was machen erfolgreiche Unternehmen besser? Wieso sind ihre Mitarbeiter motivierter?
Ich habe nicht von ungefähr meinen Titel mit dem Wort “Wirtschaftsreligion” anstelle von “Wirtschaftswissenschaften” getitelt. Nicht nur Prof. Dueck geht mit dieser Lehrbranche stark ins Gericht. Man findet im Netz immer mehr Kritiken. Besonders ernstzunehmende sind dann solche, die aus den eigenen Reihen kommen.So formulierte der erimitierte Prof. Hubert Beyerle schon 2007Zu viel Ideologie, zu wenig Wissenschaft.
Besonders kritisiert wird an den Wirtschaftswissenschaftler, dass sie kaum noch unabhängig arbeiten könnten, da die Fördermittel überwiegend aus der Industrie kämen. Da müsse man sich nicht wundern, welche Ergebnisse und Ansichten am Ende rauskämen.In das gleiche Horn stößt auch der ehemalige Bundestagsabgeordnte und Staatssekretär Dietrich Sperling und fordert mit der letzten Finanzkrise nicht nur bessere Regeln für die Märkte, sondern eine bessere Wirtschaftswissenschaft (siehe Die Krise des Finanzsystems ist auch eine nicht eingestandene Krise der Volkswirtschaftslehre).
Besonders interessant sind zudem noch Artikel, die im Rückblick schildern, welchen Eindruck sie von den Vorlesungen von Volks- und Wirtschaftswissenschaftlern erhalten haben, so z.B. schreibt Hinnerk Rümenapf in seinem Artikel Homo oeconomicus: Habgier ist geil! etwas satirisch:
Der Volkswirtschaftler kam als echter Homo oeconomicus und Nutzenmaximierer mit noch weniger “Investment” aus als der Betriebswirtschaftler. Seine Begründung, warum er kein Skript herausgab, war kurz: er hatte keins. Das hat er in seinen Vorlesungen auch glaubhaft vermittelt. Zunächst malte er zwei Linien an die Tafel (ohne jede Beschriftung) und nannte Sie “Koordinatensystem” (mit so unwichtigen Details wie “Einheiten” oder “Bezeichnungen” beschäftigen sich nur Techniker [igitt!], oder echte Wissenschaftler [pfui!]). Anschließend erzählte er viel von Verlaufskurven, die er gleich mit bunter Kreide an die Tafel malte, alle übereinander. Manchmal gab es eine (maximal dreibuchstabige) Abkürzung als Beschriftung, mehr nicht. Ein unbefangener Betrachter hätte es für abstrakte Kunst halten können. Ich gewann den Eindruck, er würde auch eine Relation zwischen dem Bruttoinlandsprodukt von Botswana und der mittleren Schuhgröße der Singalesen herstellen.
Jedenfalls hatte er sich dann doch entschlossen, es bei einem Diplom zu belassen, bevor er sich mit den Dozenten angelegt hätte. Er stellte sich dann aber auch die Frage, ob wir Menschen solche Nutzenmaximierer seien, wie das die Dozenten den Studenten weißmachen wollten:
Sind wir wirklich alle rein Profitorientiert? Was würde wohl passieren, wenn auch “normale” Arbeitnehmer sich nach den Grundregeln der Wirtschafts – “Wissenschaft” richten? Sie Investieren Zeit, Arbeitskraft und oft auch einen Teil ihrer Gesundheit. Als Return erhalten sie monatliche Zahlungen. Es gibt zwei Möglichkeiten den Return on Investment zu maximieren. Zum Einen kann man versuchen mehr Geld zu bekommen (den Return vergrößern, Maximalprinzip). Das erscheint zwar nicht unmöglich, die Aussichten sind aber eher bescheiden.
Die andere Möglichkeit besteht in der Minimierung des Investments (Minimalprinzip). Wenn also zum Monatsende immer derselbe Betrag auf dem Konto landet, muss der wirtschaftlich handelnde Arbeitnehmer zusehen, dass er möglichst wenig dafür arbeitet. Im Sinn der Grundregeln der Wirtschaftswissenschaft darf er gar nicht mehr als unbedingt nötig dafür arbeiten. Die aus Wirtschaftswissenschaftlicher Sicht korrekt handelnden Arbeitnehmer werden leider immer noch als “Drückeberger” und “faule Säcke” beschimpft. Es wird Zeit mit dieser grandiosen Fehleinschätzung aufzuräumen! Nur diese Kollegen haben die Prinzipien unserer Wirtschaft wirklich verstanden, lassen sich nicht einschüchtern und leben als rationale Nutzenmaximierer die Leitsätze der Wirtschaftswissenschaft. Man sollte solche Kollegen achten, ehren und ihrem Beispiel nacheifern. Es sollten sich alle Arbeitnehmer wirtschaftlich orientieren und in diesem Sinn ihren persönlichen Return on Investment optimieren!
Komisch - es gibt immer noch Kollegen, die unbezahlte Überstunden machen und sich fast bis zum Umfallen für “ihre” Firma engagieren. Vielleicht sind doch nicht alle Menschen Vertreter des Homo oeconomicus?
Und dass wir definitiv nicht Nutzenmaximierer sind, sollte spätestens dann einleuchten, wenn man sich anschaut, wie viele Tätigkeiten unbezahlt im Ehrenamt erfolgt. Was da wohl die Motivation sein soll?
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Dr. Andreas Zeuch spricht in dieser Keaynote den Homo Oeconomicus ebenfalls als widerlegte Theorie an, an der wir noch mächtig zu knabbern haben:
http://www.youtube.com/v/FsSKAGX1xRk?version=3