Feb
13
2010

Prozessoptimierung: für Prof. Hüther ist es hirntechnischer Unsinn, andere motivieren zu wollen

Nachdem ich nun Mitglied der Gesellschaft für Organisation bin,  habe ich mich mal ein wenig auf ihrem Internetportal umgeschaut und bin auf einen sehr spannenden Beitrag mit Konsequenzen für die nach innen gerichtete Prozessoptimierungen gestoßen. Sagt zwar der neueste Trend im Business Process Management, dass man sich vorrangig um das Customer Expectation Management (CEM) kümmern soll, so darf man aber auch die inneren Potentiale nicht vernachlässigen. Und hier gibt der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther eine Reihe von Denkanstößen in einem Interview erschienen in: zfo – Zeitschrift Führung + Organisation; 03/2009 (78 Jg.), Seite 159-161.

Die neusten Gehirnforschungen zeigen, dass … “der Frontallappen derjenige Bereich ist, in dem unsere sogenannten Metakompetenzen, unsere inneren Einstellungen, Überzeugungen und Haltungen verankert sind, auf deren Grundlage wir Entscheidungen treffen und Bewertungen vornehmen. Was sich dort herausbildet, lässt sich nicht durch Unterricht, Belehrungen und kluge Ratschläge beeinflussen, sondern basiert auf eigenen, am eigenen Leib gemachten Erfahrungen. All unsere Erfahrungen zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie immer sowohl eine kognitive Komponente beinhalten, bei der es um die Frage geht, »was habe ich erlebt?« als auch eine emotionale »Komponente mit der Frage »wie ist es mir dabei ergangen?«. Deshalb handelt es sich bei den durch eigene Erfahrungen strukturierten Netzwerken im präfrontalen Cortex um gekoppelte kognitiv-emotional verbundene Netzwerke. Sie lassen sich weder durch rationale Argumente verändern, die die emotionalen Anteile des gekoppelten Netzwerks unberührt lassen, noch durch emotionale Aktivierung – also etwa Bestrafung und Belohnung –, die die kognitiven Anteile nicht erreicht.”

Daher sollte man Studenten statt sie mit Sachwissen vollzustopfen, zu unterrichten und abzufragen, sie Bücher auswendiglernen zu lassen, eher mehr Gelegenheiten bieten, die sie inspirieren, möglichst viele und möglichst unterschiedliche Erfahrungen zu machen, vor allem die, dass es Freude macht, sich Wissen anzueignen und die Welt zu gestalten.

Und in Bezug auf das Führen von Mitarbeitern wird Prof Hüther noch drastischer: ” Viele Führungskräfte haben leider noch das aus dem vorigen Jahrhundert stammende Welt- und Menschenbild im Kopf: das einer auf maximale Ressourcenausnutzung orientierten Gesellschaft. Da muss man Dressurmethoden einsetzen, Konkurrenz schüren, Fachidioten ausbilden, Abhängigkeiten erzeugen und klare Hierarchien und Karriereleitern aufbauen. Da muss man ständig neue Maßnahmen, Regeln und Kontrollverfahren einsetzen und möglichst viel Druck erzeugen, damit man den Wettkampf um die noch verfügbaren Ressourcen gewinnt. Kurzfristig mag das auch heute noch gelegentlich funktionieren, aber langfristig führt dieses alte Muster in Sackgassen. Diese nennen wir dann »Krisen «. Zurzeit erleben wir ja wieder einmal eine sehr fundamentale.”

Prozessorientierung nach Binner

Schaut man in den Leitfaden  BPM CBOK, Basis der Zertifizierung zum BPM Professional der European Association of Business Process Management, findet man diese Aussagen auch schon übernommen. Beim Umbau von der Funktionsorientierung hin zur Prozessorientierung geht es in der Ausrichtung weg vom Vorgesetzten und hin zum Kunden (siehe CEM oben), die Ausführung erfolgt durch Gruppen  anstatt durch Einzelne, die Mitarbeiter werden eigenverantwortlich wo sie vorher fremdbestimmt sind.  Die Firmenkultur wandelt sich damit vom Misstrauen hin zum Vertrauen.

Dass ein solcher Umbau ein langer Change-Prozess ist, hat auch die SAPERION erfahren. Vor etwa zwei Jahren haben wir die Entwicklung auf die agile SCRUM-Methodik umgestellt. Auch wenn noch immer nicht alles rund läuft, so sind sich alle Beteiligten einig: durch das Arbeiten im Team sind die Aufgaben transparenter geworden, jeder übernahm mehr und mehr Eigenverantwortung, die Hilfe untereinander ist nun an der Tagesordnung und damit ist die Motivation innerhalb des Teams gestiegen. Und da ja alles auf den Kunden ausgerichtet sein soll: dieser freut sich über die bessere Einhaltung von Terminzusagen und über die erhöhte  Qualität.

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Written by Dr. Martin Bartonitz in: deutsch,general,language | Tags: , , ,

1 Comment »

  • Dr. Martin Bartonitz

    Gerade auf Facebook gepostet und folgenden Kommentar enthalten:
    “bei einem meiner seminare mit vorgegebenen themen und struktur: urteil der studenten –> LANGWEILIG; ÄTZEND …
    bei dem seminar zum gleichen thema ohne struktur und ohne vorgegebene themen: krass klasse vorträge. super einsatz der studenten. die sind sogar in die fußgängerzone und haben interviews mit passanten zum thema gemacht, ohne dass es ein arbeitsauftrag war. urteil der studenten –> das beste seminar seit langem in dem vorgegebenen einheitsbrei.
    nach diesem seminar habe ich mir geschworen, dass ich NIE mehr als ein grobkonzept für gruppen ausarbeite und immer den impulsen folge, die von den leuten kommen – inklusive meinen eigenen. das macht mehr spaß und der lerneffekt ist nicht nur für die studenten massiv produktiv :-)

    Comment | 27 December 2011

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